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Lebende Dinge

Onkel Charlie war wirklich eine Marke! Als Kind habe ich ihn geliebt. Und ich liebe ihn eigentlich immer noch! Mein Bruder hat ihm den Namen „Onkel Charlie“ gegeben, und zwar nach einer Figur aus einem Hitchcock-Film, „Shadow Of A Doubt“. Joseph Cotton spielt darin einen überaus zwielichtigen Charakter, eben Onkel Charlie.
Onkel Charlie ist bei Hitchcock ein Frauenmörder, so weit ich mich erinnere … ein Witwen-Mörder, glaube ich. Jedenfalls, weil mein Bruder Onkel Charlie nicht leiden konnte, gab er ihm diesen Spitznamen.
Eigentlich hieß Onkel Charlie Roman. Roman Buch. Er war aber nicht etwa Besitzer einer Buchhandlung oder eines Verlages, er war Arzt. Weiterlesen »

Tote Dinge

Was soll man machen? Wörter sind so unglaublich langweilig, zuweilen. Aber auch der Beruf des Bestattungsunternehmers hat sicher seine öden Momente. Um jetzt mal ein Beispiel aus einer ganz anderen Ecke zu zitieren. Sogar wenn die flennenden Anverwandten im Nebenraum sind, um den Sarg vereint, dann bohrt man vermutlich in der Nase und löst auf die Schnelle ein Kreuzworträtsel. Immer kann man sich mit den tiefsten Dingen nicht abgeben. Dem widerspricht die menschliche Natur, deren Credo bekanntlich lautet: Weiterlesen »

Essays schreiben

In gewissem Sinne ist der Essay die poetischste aller Prosa-Gattungen. Darum finden wir auch so viele Lyriker, die Essays geschrieben haben — Gottfried Benn, T. S. Eliot, Joseph Brodsky, Hans Magnus Enzensberger. Natürlich denke ich auch an Paul Valéry; ich denke andauernd an Paul Valéry.
Denken Sie ruhig auch an Durs Grünbein; ich werde mir das allerdings verkneifen! Ich weiß, wie weit ich zu gehen habe …

Auch Alexander Kluge ist mit seinen in fettleibigen Volumina versammelten Kurzgeschichten näher am Essay dran als an dem, was vor allem die Amerikaner mit dem Format der Short Story wollten. Weiterlesen »

War Morold dir so wert

Eine Hamlet-Maschine, das ist in erster Linie natürlich eine Wörter-Maschine. Mit Wörtern kann man viel kaputt machen — wenn das vergangene Jahrhundert uns etwas gelehrt hat, dann wohl das!
Hamlet, das ist dieser Dänenprinz, der das neuzeitliche Bewusstsein erfand, indem er des alten Parmenides Seins-Philosophie anknabberte* — und dabei vielleicht nicht die Dialektik erfand (dazu war nur ein Deutscher in der Lage), aber wenigstens die Differenz einführte, die später zur Differänz (différance) sich verschob (minimal, kaum wahrzunehmen, die Verschiebung, aber sie langte hin). Weiterlesen »

Hohlkörper

Hohlkörper

Lange Rede, kurzer Sinn? Dann doch lieber: kleines Foto, große Erklärungskraft.
Unsere Abbildung zeigt einen klassischen Hohlkörper. Aus der bauchigen, blasenartigen Mittelform entspringt der Roman von ganz allein, wenn Sie oben nur geduldig und beharrlich pusten. Es kann in Einzelfällen im unteren Ende zu Stauungen kommen. Ganz wichtig: Verlieren Sie dann nicht die Nerven! Wie beim Verfertigen journalistischer Texte gilt hier: Im Autopilot-Verfahren kommen Sie weiter. Einfach nix bei denken. Just blow it.

Wie keine andere Kunstgattung regt vorgelesene Literatur die Einbildungskraft und das Nachdenken an, gewährt einen Genuss für Geist und Sinn.
Das wurde mir so recht lebhaft fühlbar erst wieder am letzten Freitag, im „Südbalkon“, einem subkulturellen Veranstaltungszentrum in Wilhelmsburg. Wilhelmsburg, das ist ein Stadtteil im Süden von Hamburg, gewissermaßen also ein Balkon, von dem aus man in den Süden der Hansestadt blicken kann, wenn man sich ganz hoch auf seine Zehenspitzen stellt. Weiterlesen »

Für dich

Eines muss ich jetzt mal zugeben. Ich bin ein absoluter Fan von Büchern. Ich LIEBE Bücher. Diese Art, wie man sie aufschlagen, auseinander klappen kann. Wie sie auf dem Bauch liegen, wie sie in der Hand liegen. So brav, so geduldig. Bücher sind wirklich cool. Allein so ein Cover, das sublime Versprechen, das in der Tatsache liegt, dass jemand sich die Mühe gemacht hat, eine Wüste von Schriftzeichen mit einem Titel zu versehen, der helfen soll, einen Zugang zu dieser trockensten und reglosesten aller Wüsten zu finden. Weiterlesen »

„Du musst zugeben, Bob, das sind alles Problematiken von gestern! Du vertust deine Zeit, indem du die künstlerischen Schwierigkeiten deiner Eltern zu lösen versuchst! Ganz ehrlich“, sagte Hansi Hausmann, „das ist mein Eindruck!“
Michi brummte Zustimmung aus seiner Ecke.
Carlo sagte erstaunlicherweise gar nichts; vermutlich war er einschlafen.
Keith Jarrett stöhnte leise zu seinem Köln-Konzert.
Hansi fügte hinzu:
„Glaub mir. Ich spreche als Freund.“
Benn stopfte sich noch ein paar Finger voll Kartoffelchips in den Mund.
„Ich hab keine Ahnung, wovon du redest“, murrte Bob endlich. Weiterlesen »

- Das ist vollkommen … das ist vollkommen wahnsinnig, Bob!
- Du brichst dir nur den Hals. Was soll das bringen?
Bob lächelte und sagte:
- Schaut mal, Jungs. Wir können nicht ewig so weitermachen. Eine statische Einstellung an die andere geklebt. Das ist John Wayne, Leute, aber heute geht das nicht mehr so. Film kann heute so nicht mehr gehen! Wir brauchen Dynamik. Abel Gance, entfesselte Kamera. Mal etwas Neues, Waghalsiges. Spektakuläres, aber im guten Sinne spektakulär. Weiterlesen »

Flugblatt

Nun stellen Sie sich aber mal vor, Sie säßen in einem Café. Was passiert da? Reden die Leute aufeinander ein? Wollen Sie etwas voneinander, wollen sie zueinander? Entstehen gesprächsweise Schicksale, werfen sich Perspektiven auf, werden Möglichkeiten von ferneren Momenten in die rauchgeschwängerte Luft gezaubert?
Nein.
Die Leutchen haben entweder eine Zeitschrift vor sich liegen, plaudern über Shoppingerlebnisse oder checken ihre SMSe. Man redet nicht miteinander, man fängt miteinander nichts an. Weiterlesen »

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