Mit einer unschönen Geste ging’s gleich los: Vor seiner Rede wollte eine junge Studentin Professor Jack Collin einen roten Plüschaffen reichen – doch ein Kommilitone schlug ihn ihr mit derbem Ausruf aus der Hand: „Soll er sich doch zu Tode collinsen – aber ohne Maskottchen!“ Ich sah ein Blitzen in Jacks Augen, das mich veranlasste, seinen Unterarm zu ergreifen; er hätte dem Rohling ansonsten sicher ein Leid zugefügt – und das hier, im Beisein verschiedener Honoratioren, verdienter Männer und verdrehter Weiber. Jack straffte sich, sagte nur: „Sie sind ein Barbar!“ zu dem Attackierenden und bückte sich, um den Plüschaffen aufzuheben. „Sehr schön, danke sehr“, sagte er daraufhin, sich verbeugend und den Schmutz von dem Tierchen klopfend, zu der jungen Frau, die in Tränen ausgebrochen war – nicht zuletzt, weil der gemeine Kerl ihr mit voller Wucht auf die zierliche Hand geschlagen hatte! Das tat sicher weh.
„Den knöpf ich mir nachher vor“, zischte Jack Collin mir zu, als er, an mir vorbei, endlich das Rednerpult im Audimax der Friedrich-Alexander-Universität zu Erlangen bestieg. „Der kommt mir nicht ungeschoren davon, der Hurensohn!“
Was dann geschah, hat intellektuelle Zeitgeschichte geschrieben. Gibt es einen Publizisten, der sich noch nicht darüber ausgelassen hat? Von Günter Wallraff bis zu Willi Winkler? Aber lassen Sie mich den offiziellen Versionen, die alle mehr oder weniger richtig sind, meine ganz persönliche hinzufügen. Lassen Sie mich aus der Froschperspektive berichten – denn ist es letztlich nicht der Frosch, der die Dinge am klarsten sieht, weil er immer in Gefahr ist, unter einem Absatz zerquetscht zu werden?
Man hatte Jack als Ehrengast eingeladen. Unter dem – zugegebenermaßen – etwas flapsigen Titel „Guten Tag, Gutenberg“ wollte er über die „Zukunft des Buches“ sprechen. Dieses Thema lag ihm um so mehr am Herzen, als er selbst nie die Kunst des Lesens erlernt hatte. „Dafür war ich einfach immer zu unruhig“, erklärte er mir. „Ich habe lieber die Sprache der Steine gelernt, habe die Schriftzeichen der Natur zu entziffern mich bemüht“ – und ähnlichen Blödsinn mehr. So war Jack halt.
Er begann mit einigen mehr oder weniger typischen Bemerkungen: gelehrt, langweilig, die professorale Balance haltend zwischen Tiefsinn und Nonsens. Dann aber ließ er die Bombe platzen. Ich sah zum zweiten Mal in wenigen Minuten dieses Blitzen in seinen Augen, und Unbehagen stieg in mir auf, von den großen Zehen her.
Ich hörte Jack Collin sagen: „Manche unter Ihnen fragen sich vermutlich ganz ernsthaft: Wie werden die Massenmedien unser Verständnis von Literatur verändern?“ Jack Collin machte eine dramatische Pause, die er nutzte, um seinen Blick einmal über das Auditorium schweifen zu lassen. Mein Herz klopfte, als ich sah, wie er mit erhobener Stimme und einem triumphalen Grinsen fortfuhr: „Diese Frage ist eine Schein-Frage, eine Idioten-Frage, meine Damen und Herren! Was denken Sie denn, was das Buch ist?“ Er hob ein Exemplar der „Gondeln aus Blei“ in die Höhe. „Machen Sie sich mit einem Gedanken vertraut, meine Damen und Herren, an dem Sie sich bislang vorbei gemogelt haben! Denn das Buch ist kein heiliger Gegenstand, das Buch ist ein Wolf im Schafspelz! Meine Damen und Herren, das Buch ist ein Massenmedium, das als Bildungsinstrument daher kommt!“
Der Tumult, der nun ausbrach, war ungeheuerlich; Achtzigjährige sprangen auf ihre Beine, als wären sie zwanzig Lenze jung, und ein Feuer loderte in ihren Wangen, das ihre Gattinnen seit fünfzig Jahren für erloschen gehalten hatten. Fäuste reckten sich, Kehlen entließen Laute, die an diesem ehrwürdigen Ort vollkommen unentschuldbar waren. Ein alter Knabe war offenbar gesonnen, Jack Collin mit einer zusammen gerollten Ausgabe seiner täglichen FAZ zu Leibe zu rücken; jüngere Kollegen konnten ihn nur mit Mühe zurückhalten.
Ich, der ich mit den verdrängten animalischen Seiten dieser akademischen Treibhausgewächse nur zu gut vertraut war, zupfte Jack am Ärmel: „Lass uns das Weite suchen, alter Junge, und zwar schleunigst!“ Wirklich werden Sie kaum irgendwo auf der Welt brutalere Naturen finden als im Kreis dieser gesitteten Schreibtischtäter – in keinem Zuchthaus gibt es weniger Bedenkenlosigkeit, eine größere Bereitschaft zum Dolchstoß. Denn diese Menschen verdanken ihr Überleben kluger Verstellung und heimlichem Intrigenschmieden; keiner von ihnen, der nicht früher oder später gezwungen gewesen wäre, einen Rivalen aus dem Weg zu räumen. Und ist das Gewissen erst einmal abgehärtet, tut sich der Rest von ganz allein! Tatsächlich bildete sich in der Mitte der Zuschauerreihen eine Gruppe von zum Äußersten Entschlossenen; unter ihnen erkannte ich Heiner Kunz, der mit Feuereifer redete und dabei wilde Blicke auf Jack Collin abschoss.
„Verdammt, schau nur, der Kunz“, sagte ich.
„Warum? Was ist mit dem? Das ist doch ein Witzbold“, meinte Jack, der dem schlaksigen Germanistik-Dozenten an Körperkraft natürlich baumhoch überlegen war – aber Jack war ein einziger Mann, und er wusste nicht, dass all diese Leute darin geschult waren, aus dem toten Winkel heraus anzugreifen!
„Sicher, er ist ein Schwanzlutscher“, stimmte ich zu. „Aber er hat erst vor wenigen Wochen ein Buch über das Buch herausgebracht, und das verkauft sich nicht gerade glänzend! Und wenn jetzt du ihm mit deinen steilen Thesen in die Quere kommst …“
„Da hast du recht!“ Jack Collins vermochte einen Aufschrei nicht zu unterdrücken. „Wir schweben in tödlicher Gefahr! Lass uns Fersengeld geben.“
Vielleicht ist es nur so etwas wie poetische Gerechtigkeit, dass sich der Volkszorn, als er sah, dass ihm das eigentliche Objekt abhanden kam, flugs eine neue Zielscheibe suchte. Zufällig war das der junge Mann, der Collin am Anfang angegangen war und der Studentin den roten Plüschaffen aus der Hand geschlagen hatte.
„Da“, kreischte Kunz, als die Tür hinter Jack und mir ins Schloss fiel, „der da, der da drüben, der hat vorhin etwas mit Collin beredet!“
Diese Kampfansage hörte ich noch, dann waren wir schon den Flur hinab gehetzt, über Treppen gesprungen und durch Türen getaucht und überlegten endlich, verschnaufend, in welcher Kneipe wir noch ein Bierchen trinken sollten. Jack Collin tätschelte den Kopf des Plüschäffchens.
„Gibt’s hier gleich um die Ecke nicht einen Laden namens ‚Kulisse’?“
Die Herren Akademiker ließen sich unterdessen nicht lumpen. Sie leisteten ganze Arbeit. Dass man den Kopf des jungen Mannes am nächsten Tag in der Pegnitz fand, wo er sachte dem Meer entgegen trieb, ist die Pointe dieser Story, die ich ganz witzig finde, Sie aber vielleicht unappetitlich. Sollte dies der Fall sein, dann lassen Sie mich noch als Trost hinzufügen, dass sich in den Augen des Rohlings bei seinem feuchten Abgang der Himmel spiegelte – und das wohl zum ersten Mal.
Tolle Story, super lustig.