Apperzeptions-Verweigerung

Was hat dieses vorgeblich humanistische Milieu nicht alles angerichtet! Ich darf das um so leichtfertiger sagen, als ich ihm selbst entstamme. Gymnasium, Latein, Altgriechisch, dieser ganze Krampf. Der schlimmste Fehler dieses Milieus: Es weigert sich, die Dinge überhaupt zu sehen, das Lebendige anzuerkennen. Gleichwohl kennt es die Dinge natürlich bis ins Letzte. Ihm sind keine Zweifel möglich. Denn es starrt immer nur in seinen eigenen Kopf, und dort gibt’s eine Menge Gips. Gips zweifelt nicht. Wie durch ein Wunder – so, wie die Dinge sein sollen, sind sie. Dieser Taschenspielertrick ist das machtpolitische Fundament des Bildungsbürgertums, das ist sein Zauber.

Mit dem gebundenen Platon die Söhne erschlagen – in dieser Welt ist das kein Sonderfall, ganz sicher ist es kein Einzelfall, und ein Unfall ist es erst recht nicht. Barbarei und menschliche Verfeinerung betreiben in diesem Milieu einen lebhaften Grenzverkehr. Seine Ideologie bezieht das Bildungsbürgertum von den alten Griechen, die dem Bildungsbürger natürlich vollkommen wurscht sind. Die Erziehung des Herzens besteht in seinen Kreisen darin, sich auf eine süßliche Sentimentalität vorzubereiten, die sich zu echtem Mitgefühl, dessen Wurzel ja Verständnis wäre, in etwa so verhält wie das Oktoberfest zu einem gesunden Gemeinschaftssinn.

1 Antwort zu “Apperzeptions-Verweigerung”


  1. 1 Jadz-eli September 10, 2008 um 2:53

    Wo wurde der Begriff Apperzeption ausgegraben? Lag er verborgen im Entschluss “in cognito” zu bloggen?

    Desweiteren (ja, ein Wort) ist das natürlich wahr, dass der Verständige selten versteht und darüber hinaus kein Herz hat.

    Vielleicht liegt das aber in der Sprache begründet (halten wir uns hier gerade von Arbeiten ab?), nämlich darin dass, das Verstehen schon vorab Konsens fordert (sagt Eco, glaube ich, oder war’s wieder nur das adnere ego?).

    Bereitschaft zu diesem Konsens ist dann die einzige zwischenmenschliche Brücke.

    Praktisches Beispiel: Ein ehemaliger Kollege – so intellektuell, dass er langsamer spricht als gut für ihn ist (weil ihm redeweise die Dummen zuvorkommen), gibt mir ein von mir dringend benötigtes Fachmagazin. Ich bedanke mich und frage, ob meiner Schusseligkeit, pflichtbewusst, wann er es denn wieder zurück haben will. Er sieht mich für eine unglaublich lange Sekunde an und sagt dann: “Ich würde es nicht archivieren!”

    Na, herzlichen Glückwunsch. Wären wir nun nicht komplett willens, dann hätten wir das Magazin nicht behalten. Oder weggeworfen. Behalten. Ach, verdanmmt, warum müssen wir immer die Kommunkationsexperten sein? Schmoll-eli


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