Ich kenne da einen Dramaturgen. In der Provinz. An einem Provinztheater. Der Bursche ist wirklich ein Musterbeispiel für Chuzpe. Wissen Sie, was Chuzpe ist? Es gibt eine sehr einleuchtende Definition. Einer, der Chuzpe hat, bringt erst seine Eltern um und plädiert dann vor Gericht auf ein mildes Urteil, weil er Waise sei. Das ist Chuzpe.
Die Dickfelligkeit dieses Dramaturgen ist unglaublich. Man muss sein Talent, Katastrophen anzurichten, ehrlich bewundern. Er schleppt als Regisseur einen Typen an, der vielleicht Blümchen gut zureden, aber sicher keine Probe mit echten Schauspielern leiten kann. Es handelt sich dabei um einen alten Freund von ihm. Damit ist schon mal eine hervorragende Basis für eine richtige Katastrophe geschaffen. Eine verpfuschte Aufführung allein aber reicht unserem Dramaturgen nicht. Ein völlig größenwahnsinniges Unternehmen, das von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, muss her. Wie wär’s mit einer Neuübersetzung der ORESTIE? Am besten durch einen, der des Altgriechischen nur so halb und halb mächtig ist? Inklusive Aufführung mit völlig überforderten Jung-Mimen? Das ist, was der Dramaturg will – dass am Ende das ganze Ensemble dem Regisseur die Pest an den Hals wünscht. Er will eine Garantie für das Scheitern. Ist das Scheitern auf eindrucksvolle Weise bewältigt, dann hat der Dramaturg sein Ziel erreicht.
Kurz und gut, dieser Typ ist auf seine zurückhaltende – und zugleich wortreiche – Art ein echter Psychopath. Zu denken gibt mir, dass er auch biblioman ist. Er kauft zwanghaft Bücher. Im Antiquariat, im Internet, auf der Straße. Er kauft mehr Bücher, als er je lesen könnte. Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, ob er noch zum Lesen kommt. Wann denn? Er ist so vom Kaufen in Anspruch genommen. Sobald er ein Buch sieht, zückt er die Brieftasche. Seine ganze Wohnung, hat man mir erzählt, sei vollgemüllt mit Bücherkisten.
Das hat bei mir zu einer Überlegung geführt. Früher sah man in Büchern ja Garanten für Weisheit, für umsichtiges Handeln. Bücher galten als Reservoire von Vernunft. Aber vielleicht führen Bücher mittlerweile auf dem direkten Wege zu Geistesgestörtheit? Haben die Bücher der Vernunft womöglich den Krieg erklärt? Könnte es nicht sein, frage ich, dass sich die Haltung der Bücher uns, den Lesern, gegenüber, mit dem Aufkommen der modernen Reproduktionsmethoden gewandelt hat? Nehmen sie uns die Liebe zur technischen Reproduzierbarkeit übel?
Man muss ja auch verstehen, dass es hier um Leben und Tod geht. Für die Bücher. Niemand geht mehr in die Bibliothek, heute geht man zu Google. Jetzt, wo das Alphabet – oder der Diskurs, wenn Ihnen das Wort lieber ist – nicht mehr auf sie angewiesen ist, um sich über die Welt auszubreiten, schlagen die Bücher um sich. Sie schlagen zurück. Sie bestrafen ihre ehemaligen Knechte, die einstigen braven Replikatoren, weil sie vom rechten Glauben, dem Bücher-Glauben, abgefallen sind. Darum streben die Bücher den Untergang der mönchischen Abschreiber an. Sie wollen das Ende der Menschen. Ich könnt’s verstehen. Denn ich kenne da diesen Dramaturgen.
Für manche endete die Aufklärung mit der Entdeckung der Fähigkeit des Menschen alles bestialisch umzubringen, was ihm in die Finger kommt.
Für manch andere endete das Theater damals, als Kortner seinen letzten Stuhl warf. Das ist mitnichten eine Analogie. Es ist ein Gegensatz.
Mit Büchern hat das allerdings wenig zu tun, die hat er meines Wissens auch geworfen, der alte Theaterfritz (wieder keine Analogie, bitte, er war schließlich Wiener).
Und Bücher haben kein Eigenleben; was sich aus ihnen heraus rächt, ist der Text. Nur der ist bekanntlich heilig.
P.S. Ich find’ die Jemandem-vor-die-Türe-Scheißen-und-dann-um-Klopapier-bitten-Definition von Chuzpe besser.