Noch einmal, aber diesmal bitte nicht für Thukydides!

Kommen wir noch einmal auf Mr. Bernhard Schlink zurück, der ja beileibe kein Schlechter ist. (Seine Romane können Sie hier bestellen.) Wir warfen anhand seines Werkes „Die Heimkehr“ gemeinsam mit einem wackeren Leserbriefverfasser die Frage nach falschem Realismus und echter Literarizität auf. Fragen wir also grundsätzlich: Wie sähe das aus, eine Literatur, die dem Leben gerecht wird? Wäre sie überhaupt möglich?

Mir scheint, zunächst einmal dürfte sie nicht so tun, als wäre sie dem Leben abgelauscht. Das Problem bei der Literatur allgemein ist ja, dass ihre Mimesis dem banalen Tagesgeschäft so nahe steht. Im Roman reden die Leute, in der Schlange beim Supermarkt reden sie auch (ab und an). Hingegen singt kein Mensch eine Arie, während er mit der Rolltreppe fährt. Jedenfalls ist das kein Normalfall. Darum ist die Musik im Vorteil.

Die Literatur schiebt sich immer schon hinein in einen Raum (entschuldigen Sie dieses von Lacan entweihte Mathematiker-Wort; ich denke eher an einen Bühnen-Raum, drei Wände und kein Dach) – in einen Raum, sage ich, von dem wir, als Betrachter, Zuhörer, Rezipienten, fest glauben, wir kennten ihn in- und auswendig. Die Welt und ihre Wirklichkeit. Nichts ist uns natürlich im Grunde fremder als die Wirklichkeit, weil wir ja Mythen-Bewohner sind, Rauner dunkler Privat-Mythen. Aber dessen ungeachtet grunzen wir automatisch-reflexhaft vor uns hin: „Die Realität? Ha! Die kenn ich!“

Das macht die Sache für Autoren so schwierig. Immer lockt die Skylla der vorgeblichen Plausibilität, dieser Alltags- und Theken-Slang, der uns von überall her in die Ohren weht, die gefällige Auswalzung gemeiner Tagtraum-Inhalte, deutungslos und plan. Aber auch die Charybdis der reinen Dichtung, die symbolistischen Strudel und künstlichen Paradiese der hermetischen Poesie sind nicht ohne! Vorsicht! Wie sagte ein abgekühlter, ernüchterter Rimbaud? „Gibt’s alles nicht …“

Ein Autor muss so verdammt listenreich sein wie Odysseus, von dem der Hirnforscher und kognitive Grenzüberschreiter Detlef B. Linke feststellt, ihm sei seine gedankliche Flexibilität zum Verhängnis geworden; wer für viele Optionen offen ist, treibt schon mal sieben Jahre auf den sieben Weltmeeren herum. Und darum sollten Sie, wenn Sie Schriftsteller sein wollen, immer etwas Wachs dabei haben, um es sich gegen die Sirenen der Tagespresse in die Gehörgänge pfropfen zu können.

0 Antworten zu “Noch einmal, aber diesmal bitte nicht für Thukydides!”



  1. No Comments Yet

Einen Kommentar schreiben