Ein Satz von Heinz von Foerster, der mich tief beeindruckt hat: „Sagen Sie nie: ‚Das kenne ich schon!’ Das ist das Allerschlimmste!“ Man solle immer an alles herangehen, als näherte man sich ihm zum ersten Mal, meinte von Foerster.
Das finde ich sensationell. Denn wenn Sie sich einmal selbst überprüfen, werden Sie feststellen, dass diese Forderung einen Verfahrensmodus beschreibt, der der Funktionsweise des Alltagsverstandes genau entgegen gesetzt ist. Unser Gehirn produziert ja nämlich permanent, geradezu in einer Endlosschleife, die Illusion: „Ah, klar, kenne ich, logisch, so ist das. Ja, das ist genau so, wie es ist.“ Wir gehen auf einen Schreibtisch zu, dessen Proportionen, objektiv betrachtet, ein einziges Gewackel und Schlingern sind, aber anstatt seekrank zu werden, freuen wir uns auf den Augenblick, da wir auf dem Stuhl hinter dem Tisch Platz nehmen können. Ein Tisch ist für uns einfach ein Tisch, egal, wie bizarr oder edel-elegant das Ding gezimmert ist.
Wir sind Monster der Tautologie. Anders formuliert: Wir sind einfach auf Zweifel von der Natur her nicht eingestellt, das ist ein Trick der Natur, die uns dauernd in die Pfanne haut; darum verehren wir auch methodische Zweifelsüchtige wie Descartes, wie Meister Eckhart, wie George Tabori. Wir ahnen dunkel, dass diese im Recht sind. Wirklich geheuer ist uns das alles, was so geschieht mit uns und um uns, ja auch nicht. Nur suggeriert uns das Gehirn, eine Allzweckwaffe der Evolution, das Propaganda-Ministerium der egoistischen Gene, eben monoton: „Wieso, was ist los? Warum die Aufregung? Ist doch alles okay, alles vertraut, alles im Grünen Bereich, mein Junge.“
Aber lesen Sie mal „Sin City“ z. B., da ist nichts mehr mit Lot. Da ist die Stadt wieder zum Dschungel geworden, wie New York, wie Chicago, wie Washington. Marv, der hässliche Held von einem Schurken, muss sich langsam und systematisch und unter beträchtlichen gesundheitlichen Opfern durch die ganze Stadt morden, um am Ende den heimlichen Herrscher von „Sin City“ zu massakrieren, langsam und genüsslich, einen gefallenen Priester, einen Psychopathen, der sich vom Fleisch junger Frauen ernährt … okay, das klingt alles ziemlich trashig. Aber geben Sie doch auch mal einer post-hegelianischen Ästhetik eine Chance.