„Du bist für mich ein Buch mit sieben Siegeln“: Dieses geflügelte Wort macht deutlich, wie stark wir logozentrischen Abendländer uns angewöhnt haben, das Buch mit intakter, geschlossener Individualität zu identifizieren. Wenn wir mit dem Nachbarn reden, schlagen wir eigentlich ein Buch auf, das seinen Namen trägt. Der Mensch, wenn er nicht spinnt, ist ein Diskurs, der in sich schlüssig ist, ein, vielleicht etwas langweiliger, Roman. Wir können die Lektüre des Nachbarn bei jeder beliebigen Zeile beginnen, können in ihm vor und zurück blättern, die Fußnoten studieren – der ganze Mann geht auf, reimt sich, wird zum Sprichwort. Er ist ein Buch, das wir nach seinem Umschlag beurteilen dürfen.
Der olle Platon war bekanntlich ein Gegner der Schrift; über sie dachte er so schlecht, als hätte er bereits einmal ein Parteiprogramm in Händen gehalten. Wie sein Vorbild Sokrates setzte er eher auf den Dialog, weil dieser das genuine Medium der dialektischen Erkenntnisbewegung ist. Das muss man sich ja mal vor Augen führen: Im Grunde muss ein Denker, der dialektisch arbeitet, sich künstlich schizophrenisieren. Er muss sein Denken spalten, um mit dem Einerseits-Andererseits-Modus überhaupt zurecht kommen zu können. Er fährt sich ja dauernd selbst in die Parade, will er sich treu bleiben. Spaltet er seine Persönlichkeit nicht, wird der dialektisch Denkende es irgendwann satt haben, immer nach noch einer gedanklichen Volte zu forschen. Er wird sich stattdessen lieber mal in seinen Garten setzen und den Blumen beim Wachsen zusehen.
Wie es heute um die Kunst des Dialogs steht, können Sie jeden Sonntag bei „Anne Will“ überprüfen. Mag ja sein, dass Anne will – die Gäste können einfach nicht offen reden. Dank der Erfindung des Buchdrucks ist die Fähigkeit zur authentisch-spontanen Äußerung in den Mündern der Logozentrischen, der Bildungsbürger und Kultur-Mutanten, zu einem kirschkernartigen Gebilde zusammen geschrumpelt. Die Dadaisten erkannten dies, und deswegen machten sie sich über die klassischen Formen des Buchdrucktauglichen lustig. Sie veralberten ja doch ziemlich die Schriftkultur, vom Sonett bis zur Proklamation.
Martin Heidegger schlug in dieselbe Kerbe. Er war der Ansicht, der Weg des Denkens sei das Ziel und nicht das Buch. Darum widersetzte er sich dem Ansinnen seines Verlegers, sein „Sein und Zeit“ mit einem Stichwort- oder gar Personenverzeichnis auszurüsten. Er verstieg sich in seiner Buchskepsis sogar zu der Bemerkung, aus dem ungeschriebenen zweiten Teil seines Opus magnum könne der Wissende mehr lernen als aus dem vorliegenden ersten. Zugleich gibt es kaum jemanden, der sich ängstlicher an die Sprache hielt als Heidegger. Er türmte ja ganze Gebirge der Etymologie um die harmlosesten Wörter auf. (Freilich wirken diese Etymologie-Gebirge oft sehr dadaistisch.)
Na? Reize ich Sie zum Widerspruch? Geht mein Palaver Ihnen auf den Wecker? Sehen Sie. Das ist das Problem. Sie können mich nicht unterbrechen, Sie müssen meinen Sermon über sich ergehen lassen. Wie verblödete Sklaven trotten ihre Augen von Zeile zu Zeile, von links nach rechts, in ermüdender Monotonie. Trost bietet ihnen allenfalls jener faule Bürger, den Kant sich ausgedacht (und hingeschrieben) hat: „Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen.“ Sie können sich freuen, denn ich koste Sie nichts, keinen Pfennig. Wobei bei Kants denkfaulem Geldsack offenkundig eine Verwechslung von Denken und Schreiben vorliegt. Aber den meisten ist das ja sowieso komplett egal, alles, und darum bin ich jetzt auch wieder still.
Vorerst.
Im letzten Absatz Ihres klugen Artikel sprechen Sie es aus: Texte haben etwas gewalttätiges an sich, sie repräsentieren die Gewalt, sie stehen für Machtausübung. Sie schieben sich dazwischen, zwischen Ich und Du, zwischen mich und Sie. Das ist ihre Funktion, sie können nicht anders, sie sind Medium. Aber in diesem Dazwischen, in das sich der Text schiebt, stirbt das Leben, sprich: der lebendige, spontane, von Ihnen offensichtlich sehr geringgeschätzte Dialog (wenn man Ihrem Namen “blogozentirker” glauben darf). Wenn wir n u r über Texte kommunizieren, werden wir irgendwann, bald, aufhören, uns zu verständigen, uns zu verstehen. Schon weil Texte unendlich vieldeutig sind und damit zu 100.000 Missverständnissen verleiten, die man im lebendigen Dialog, der ja immer mehr ist als die Worte, die gewechselt werden, sofort klären könnte. Im lebendigen Dialog, im echten, authentischen Gespräch gibt es einen echten Austausch von Gedanken und Gefühlen, von Sinn, Verstand, Humor. So kann Kontakt entstehen, Voraussetzung für alles weitere, für Vertrauen, Verbundenheit, Gemeinsamkeit, aber auch Korrektiv und Kritik. Der Text vergrößert den Abstand zwischen Ich und Du, die Verbindung zwischen Ich und Du geht verloren. Das ist der Preis, den der textende Mensch bezahlt.