Warum läuft Herr B. nicht Amok?

Herr B., wie er von seinen Feinden genannt wurde – seine Freunde nannten ihn „Blogo“, mit breitem Grinsen –, stieg auf die Leiter. In die Decke hatte er, vor Jahren schon, einen Haken gebohrt. Das Ding war stabil, so zart es scheinen mochte. Das war das Wunder des Stahls, bewerkstelligt mit einer Bohrmaschine. Und endlich war es jetzt soweit, vom Wunder zu profitieren.

Herr B. führte einen Strick durch den Haken. Die Leiter, auf der er noch ein paar Sprossen hinauf kletterte, war ein klappriges, stellenweise mit Farbe beschmiertes silbernes Ding aus Aluminium. Die Decke war hoch, die Wohnung hell, weiß gestrichen, schmerzlich leer. Ein Ort, den niemand bewohnen wollte, in einer Stadt, in der die Menschen nur widerwillig und wie in Anführungszeichen lebten. In den Steckdosen staute sich der Strom. Herr B. traten Tränen in die Augen. Das war die Hausstauballergie. Der Strick zwischen seinen Fingern war faserig und rauh, aber massiv; er lag unangenehm in der Hand, wie eine Drohung, und dazu passte, dass er in eine sorgsam geknüpfte Schlinge auslief. Die Schlinge baumelte jetzt vom Haken herab. Herr B. kniff die Augen zusammen und justierte die Schlinge. Dann drehte er sich um und sagte, in sehr einfühlsamem Ton: „Recht so?“

Die junge Frau in ihrem Stoffklappstuhl nickte. Sie trug eine Sonnenbrille, Jeans, weißblaue Turnschuhe, einen geringelten Seemannssweater. Sie war eine schmale Brünette mit schmalem, aber breitem Mund. Ihre Stimme klang hart, wie Wasser, das an einem Berg in großer Höhe über Kiesel murmelt:
„Und du willst wirklich diese Scheiße verfilmen? Das ist dein Ernst, ja?“
Herr B. schnaufte. Er hielt inne, weil er sich gerade so fühlte, als hätte ihm jemand den Stein des Sisyphos auf den Rücken geschnallt. Er fühlte sich so alt wie der Adler, der Abend für Abend Prometheus die Leber aus dem Leibe hacken muss. Was für eine Scheißarbeit! Er sagte:
„Ich hab das Ding geschrieben, jetzt muss ich mir auch selbst treu bleiben.“
„Du hast es vor fünfzehn Jahren geschrieben. Du könntest darüber hinweg gehen.“
„Damals sind schon alle darüber hinweg gegangen. Keiner wollte das Ding verfilmen.“
„Wundert dich das?“
„Dann muss ich es halt machen.“
„Picasso“, sagte die junge Frau vorwurfsvoll, und Herr B. konnte sich vorstellen, wie sie hinter ihrer großen Sonnenbrille die blauen Augen rollte.

Herr B. stieg von der Leiter herunter. Er tat es mit tapsigen Bewegungen, wie ein Blinder.
„Warum liegt dir so viel an dieser blöden Geschichte?“ insistierte die junge Frau. „Die ist doch völlig sinnlos. Ich meine, Picasso. Das ist doch von vorgestern. Wenn es Gerhard Richter wäre! Oder, was weiß ich, Bruce Nauman. Außerdem hat sie nichts mit dir zu tun, mit deinem Leben. Nicht das Geringste. Das ist doch nur wieder so ein Wahn, in den du dich verrennst, um den Realitäten aus dem Wege zu gehen. Du solltest etwas produzieren, das eine Aussicht darauf hat, sich zu verkaufen. Willst du dein Leben lang den Mythos vom verkannten Künstler durchspielen?“
Herr B. hielt inne. Er spürte, wie seine linke Hand die linke Leiterseitenstrebe gepackt hielt, als wollte er sie erwürgen. Sein Gesicht, dachte er, entgleist mir, und das ist nicht gut, denn man sollte sich jederzeit unter Kontrolle haben als Zivilisationsbürger.
„So siehst du mich also?“ fragte er.
„Könnte ich dich anders sehen?“ erwiderte die junge Frau kalt. Ihr dunkles Haar schien sich zu sträuben gegen einen warmen Lichtschwall, der durch das Fenster auf sie fiel und ihre Erscheinung aufleuchten ließ. Es war eine pfundsmäßige Aureole, absolut perfekt, aber sie, sie war wirklich keine Heilige, und ein Engel war sie schon gar nicht. Sie dachte nur an sich, immer, und an das Geschäft. Sie wusste, wie man im Leben zurecht kam. Dagegen war ja auch gar nichts zu sagen, dachte Herr B., der jetzt, nach all den mythologischen Assoziationen (Sisyphos, Prometheus) das ganz banale, alltägliche Gefühl hatte, jemand habe ihm mit voller Wucht in die Eier getreten.

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