Zweifelt einer von Ihnen ernsthaft daran, dass wir in einer Gesellschaft des Turbo-Egoismus leben? Wohl kaum, hoffe ich. Je enger die Fluchtwege werden, durch die wir uns in eine lebbare Zukunft retten könnten, desto unerbittlicher wird das Klima der zwischenmenschlichen Konkurrenz. Das Rettungboot ist bald voll, und darum stoßen die Jungen die Alten hinaus, und die Alten krallen sich ans Holz und stoßen ihre Bannflüche gegen die eigene widerspenstige, undankbare Brut aus, und strampeln mit den Beinen. Allerorten hören wir, wie es über die eiskalten, schwarzen Wasserflächen hinweg schallt, aus den Mündern von Alt und Jung, von Mann und Frau, von Revoluzzerin und Methusalem unisono: „ICH! ICH! ICH!“
Aber was geht das den Blogozentriker an? Oder Sie? Nicht viel, würden Sie schätzen? Weit gefehlt! Die Frage stellt sich doch: Was für eine Kultur kann man von einer Gesellschaft des Egoismus erwarten? Eine interessante Frage, auf die ich, als Angestellter des bundesdeutschen Kulturbetriebs, kurz aus der Praxis heraus antworten möchte. Ich gebe zu, dass meine Antwort, da sie aus praktischen Erfahrungen kommt, all die Schwächen mangelnder theoretischer und wissenschaftlicher Abfederung hat. Aber wie ich es erlebe, geht es den Kulturschaffenden im Augenblick in erster Linie um sich selbst, um die Pflege und Zurschaustellung ihres Ichs. Auf der Bühne, im gleißenden Licht der TV-Scheinwerfer, steht nicht das Goldene Kalb irgendeiner Problematik, um das Tänze aufgeführt werden, sondern da sieht man nur all diese an Elephantiasis leidenden Egos der Kunstwollenden.
Ist das ein neuer Trend? War es nicht immer schon so, dass Egopathen die Kunst dominiert haben? Typen, die später und im Rückblick, in Nachrufen und in den Publikationen der Literaturwissenschaft, beispielsweise, als die Außergewöhnlichen oder Besonderen glorifiziert wurden? Doch, so war’s wohl immer. Nur scheint mir doch das Pathische vom Ego allmählich abgekoppelt; es leidet gar keiner mehr, woran auch? Es geht doch allen insgesamt ganz prima. Doch bleibt das Leiden als Erfordernis – als Legitimation nämlich, die Leute mit seinem Scheiß zu behelligen.
Man könnte das vielleicht so zusammenfassen. Wenn zwei Köpfe zusammen stoßen, und es klingt hohl – dann muss das nicht nur an einem der beiden Köpfe liegen! Die heute Kunst Schaffenden leiden weniger an sich selbst, an einem Ich, das sich auf diese Welt nicht recht reimt, noch an der Welt, die ihrem Ich nicht gibt, wonach es verlangt (Brot und den Wein der uneingeschränkten Aufmerksamkeit): Sie leiden, im Grunde genommen, an gar nichts. Sie leben nur davon, Ihr angebliches Leiden an der Welt zu verkaufen. Meistbietend. Hihihi. So ist’s nämlich. Damit Sie’s wissen.