„Gefällig?“
„Hey“, sage ich, „Herr B., nimm’s nicht so schwer. Der redet doch bloß.“
„Hat er gerade gesagt.“ Herr B. macht sich aus meiner Umarmung los, ballt die Fäuste, blickt wütend. „Hat dieser Sack wirklich gerade gesagt, mein Film sei ‚gefällig’?“
„Na, was wurmt dich daran denn so?“
„Was mich daran wurmt?“ Herr B. blickt mich auf eine Art und Weise an … Scheiße. Es zerreißt mir das Herz! „Hey, Blogo“, sagt er. „Seit über elf Jahren kämpfe ich für diesen Film. Ich erniedrige mich dazu, eine Schlampe wie Liane Meier als Regisseurin zu nehmen. Ich lasse mich dazu herab, einer Pfeife wie Arminius G. Schlächt die Kamera anzuvertrauen.“
„Hey! Das hier“, Arminius G. Schlächt tippt sich auf die Brust, „ist keine Pfeife!“
„Und eine Null, einen absoluten Nichtskönner wie dich verpflichte ich als Hauptdarsteller. Begreifst du?“
„Na, na“, murmele ich.
„Seit über elf Jahren“, fährt Herr B. fort, und Tränen rinnen hinter seiner Dolce&Gabbana-Sonnenbrille seine Wangen herab, „seit über elf Jahren höre ich mir an, was für ein Dreck dieser Film sei, was für ein Kunstkrampf, was für ein Hirnfick, was für eine Idiotie! Und jetzt kommt dieses Arschloch aus seiner Werbeklitsche hier herein geschneit und erzählt mir, mein Film sei ‚gefällig’!“ Herr B. hält kurz inne, dann setzt er hinzu: „Zumal ich nicht mal genau weiß, was das überhaupt sein soll, gefällig.“
„Hör mal, du wolltest meine ehrliche Meinung hören“, sagt der Typ aus der Werbebranche. Er trägt eine Sonnenbrille, die so teuer ist, dass sie nicht einmal ein Markenlogo hat, und ein Lächeln, das so billig ist, dass kein Mensch sagen könnte, ob es totale Verachtung für alles oder überschäumende Liebe zum Leben ausdrückt. Sein Gesicht ist braun gebrannt, und seine Haare scheint jemand an seinen Hinterkopf genagelt zu haben. Er ist ein Cousin von Herrn B. „Und meiner Meinung nach“, sagt er, „ist dieser Film eben gefällig. Warum gibt’s kein Happy end im klassischen Sinne? Warum muss dieser arme Irre am Ende sterben?“
„Weil er sich aufhängt“, sagt Herr B. giftig. „Menschen sterben nun mal, wenn sie sich erhängen. Das ist die RE-A-LI-TÄT!“
„Na ja, schön und gut“, sagt der Werbefuzzi, und eine seiner Hände beschreibt Loopings in der Luft, „aber ist die Realität nicht auch oft sehr – gefällig?“
Herr B. stößt ein Lachen aus, das wie ein Schrei klingt. Spitz und klirrend und sehr, sehr verloren.
„Die Realität ist WAS? HAHAHA! Mein Lieber!“
„Wie auch immer. Am Ende zählt, was hinten raus kommt. Wenn du Kasse machst, war ich der Idiot, und dann kannst du auf die Realität getrost scheißen.“
Herr B. blickt ziemlich finster.
„Ja. Warten wir’s ab“, sagt er grimmig, mit einer leisen Drohung in der Stimme.
„Ich wollte ja auch nur darauf hinweisen“, meinte der Cousin, und sein Lächeln wird etwas menschlicher, „dass in der deutschen Kultur der Tod oft Kitsch ist. Nicht ein Einbruch des Schicksals von außen, unerwünscht und fatal, sondern die Erfüllung der tiefsten Sehnsucht der Protagonisten. Und was also anderes als ein Happy end, nur eben auf Deutsch? Das meinte ich. Mir wäre ein amerikanisches Happy end lieber. Alle umarmen sich und reiten in den Sonnenuntergang.“
Herr B. schüttelt den Kopf. Der Werbe-Cousin hebt abwehrend die Hände:
„Ich mein ja bloß. Okay. Weswegen ich eigentlich gekommen bin. Ich hab da diesen phantastischen Wein aus dem Veneto dabei, im Kofferraum meines Bugatti. Ich dachte, vielleicht habt ihr Lust, mal einen guten Tropfen zu probieren? Hab ich am Wochenende mit gebracht. Wirklich ein edles Nass. Na? Lust?“
Herr B. und Herr Amok bei der Weinprobe
Juli 31, 2008 von blogozentriker