Es fällt generell auf, dass man in Deutschland gerne meckert, sobald man einen Stift in der Hand hält. Die Aussicht, jetzt Tinte verschmieren zu müssen, verwandelt sich in den Wunsch, Gift zu verspritzen. Sobald einer auf Deutsch schreibt, schreibt er direkt mit seiner schwarzen Galle. Geifer, geifer, geifer. Da schlägt eine gewisse Triebhemmung durch, scheint mir, ein antivitaler Affekt. Wie ich darauf komme? Neulich las ich auf der Rückseite eines Buches von Tom Robbins – EVEN COWGIRLS GET THE BLUES, VILLA INCOGNITO – einen mehr als überzeugenden Klappentext-Spruch. Kein Geringerer als Mr. Thomas „Who Is Me“ Pynchon lobte dort nämlich seinen Kollegen als „der Welt besten Schriftsteller“.
Damit hätte ich nicht gerechnet. Zwar fand ich diese erzählerische Wildheit, dieses ungezügelte poetische Temperament von Robbins, wie auch das von T. C. Boyle, schon immer grandios, mitreißend. Aber dass ausgerechnet Pynchon, der Meister aller Klassen, den sogar Willi Winkler lobt, sich zu solch einem Superlativ versteigt?
Nein, damit hatte ich nicht gerechnet.
Aber es zeigt mir auch einen Mangel auf. Einen Mangel an Respekt nämlich. In Deutschland wird immer nur gemeuchelt, gehechelt, drauf getreten, zugestoßen. Das nennt man dann „Kritik“, aber in Wahrheit ist es kognitives Amoklaufen. Jeder ist ein Depp, nur man selbst nicht. Wo fing das an? Vielleicht im „Roten Jahrzehnt“ (Gerd Koenen), während „unserer kleinen Kulturrevolution“? Gestern habe ich den Film STAMMHEIM gesehen, von Reinhard Hauff, eine fast dokumentarische Wiedergabe der Prozesse um Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Ulrike Meinhof. Mit Ulrich Tukur als Baader und Hans-Michael Rehberg. Unglaublich hart, unglaublich verachtungsvoll, jenseits aller humanistischen Umgangsformen. Es tut heute noch weh, wenn man sich dieses verbale, diskursive, menschliche Massaker anschaut. Wie viel Gewalt da im Spiel ist! Ulrike Meinhof tut einem richtig leid, sie ist so sanft, so bemüht, einer gar nicht zu ihr passenden Rolle zu entsprechen. Ganz anders Baader. Dem merkt man an, dass er das geborene Arschloch war. Er beschimpft den vorsitzenden Richter großmäulig als „faschistisches Arschloch“ und als „Sau“. Dieser hat’s andererseits auch nicht besser verdient: Er will mit infamen Machinationen zurückschlagen, doch diese werden von einem der Guten auf der Anklageseite abgewehrt, indem sie öffentlich gemacht werden. Die Intrige kostet den Tyrannen auf dem Richterstuhl den Posten …
In Deutschland fehlt einfach eine konstruktive Kultur des Umgangs miteinander. Man haut immer auf den anderen drauf, bis er einem in die Tasche oder unter den Stiefelabsatz passt. Warum das so sei, möchte ich wissen. „Das Land hat sich von den Brutalismen des Nationalsozialismus und von der frömmelnden, unnachgiebigen Heuchelei der Revolutionäre, ob rot, ob braun, nie erholt“, sagt mir mein Großvater, kein weiser, aber doch ein einsichtsvoller Mann. Ihn bedrückt die Geschichte dieses Landes schon seit Langem. „Das waren ja alles Gestörte, ob Hitler, ob Schleicher, ob Baader. Abgebrochene Künstler, entsetzliche Menschen. Warum die Deutschen immer nur Scheusale lieben können? Vielleicht ist das einfach unsere Natur … Dieses Land lebt jetzt schon so lange eine Depression, weicht vor allem Menschlichen in die Technik aus.“ Das sei die „deutsche Spezialität“: „Wie absurd ist das, dass gerade eines der erfolgreichsten Autos aus deutscher Fabrikation AUDI heißt, also: HÖR ZU! Hier hört doch keiner zu. Im Gegenteil! Wir bauen so gute Audis, um nicht hinhören zu müssen! Mit unseren Autos stopfen wir uns die Ohren zu!“
„Okay, Opi“, sagte ich, „jetzt haben wir aber genug von diesem Kümmelschnaps intus, oder?“ Ich nahm ihm die Flasche weg und deckte ihn zu. Draußen wurde es Nacht. Ich freute mich auf mein Bettchen. Vor dem Einschlafen würde ich noch ein bisschen in der vorzüglichen Bismarck-Biographie von Lothar Gall lesen.
„Blogo“, sagte mein Opa, schon am Einschlafen, „bitte versprich mir eins. Versprich mir, dass du nicht auch am Netz des Hasses mitstrickst. Werde einer der Konstruktiven. Bau keine Audis, sondern forme mit die Kunst des Zuhörens.“
Ich lachte. „Opi“, sagte ich, „red keinen Scheiß!“
Würde mich mal interessieren, was Opi zu ihren Artikeln sagen würde.