Was ist Logozentrismus? Ein Denken, das den Primat der Sprache in den Mittelpunkt rückt, auf Kosten der Bildlichkeit. Es gibt die Sprache der Bilder, und es gibt die Sprache der Fakten. Die Fakten sind immer sprachlich vermittelt, auch wenn der Fakten-Fakten-Fakten-„Focus“ mit Schautafeln, Grafiken und Tabellen nur so um sich wirft. Ironischerweise bekommen wir alle immer zu hören: „Trau seinen Worten nicht, wichtig ist, wie er es sagt“ und: „Der lügt wie gedruckt“. Das spricht für ein tiefes Misstrauen gegen das Wort. Es ist eine Art Volksweisheit, die man nur unter der Hand weitergeben darf. Offiziell muss man all den Alltags-Bullshit zitieren, der Wahrheit Hohn sprechen, die Dinge verdrehen, dass es kracht. Offiziell hat das letzte Wort das gedruckte Wort.
Der Logozentrismus ist in sich nämlich äußerst hinterhältig, da in seinem tiefsten Wesen absurd. Natürlich ist das Primäre in unserem Leben nicht der Text, nicht das Wort, nicht der Gesetzestext. Primär ist das Bild. Und genau WEIL das so ist, weil diese Tatsache so evident (also von sich aus Ein-Sicht produzierend) ist, verdrängt sie der Logozentrismus auf so besonders freche, infame Art und Weise mit seinen von PR-Agenturen getürkten Verlautbarungen. Klassischer Satz: „Na, Moment, das habe ich SO nicht gesagt …“
Bevor wir etwas begreifen, sehen wir es. Bilder des Ayers Rock hauen uns um, ellenlange Landschaftsschilderungen schläfern uns ein. (Es gibt Ausnahmen von dieser Regel, aber es gibt auch Menschenfresser.) Ein anderes Beispiel: Therapien versuchen, die Übermacht eines Geschehens langsam in einer Wort-Lauge aufzulösen, in einem verbalen Entspannungsbad, damit das Gift des Traumatisierung am Ende aus unserem Körper heraus sickert.
Wir leben in einer Kultur der Lüge, das ist es. Z. B. stehen hinter all diesen gigantomanischen, superschlauen IQ-Gipfelstürmer-Texten, die Studenten lesen und dann imitieren müssen, ja doch letzten Endes nur – irgendwelche Typen mit seltsamer Gestik, die seit ca. 40 Jahren immer dasselbe sagen. Darum können sie es so gut. Sie sind im Grunde wie Arbeiter in einer Fabrik, die, seitdem das zweite Kind da ist, immer dieselben vier Handgriffe ausführen. Meister ihres Fachs.
In Wahrheit sind Texte immer Schleier, hinter denen der nackte Affe sich verbirgt. Ist das tragisch oder komisch? Man weiß nicht so genau. Es ist eigentlich vor allem ekelhaft, und es bringt viel Leid in die Welt, dass keiner so sein darf, wie er ist. Jeder einzelne von uns, das ist der geheime Sinn von Schule, muss sich ein Kostüm aus Wörtern anziehen.
Man flößt uns in den verschiedenen Bildungs-Anstalten Wort-Diäten ein. Bankkaufleute werden mit einem ganz speziellen Vokabular geimpft, Ärzte mit einem anderen, Lehrer, Soldaten und Mütter mit einem noch mal anderen.
Sogar Schriftsteller haben irgendwann ihr Vokabular, da sie ihre Fangemeinde haben, ihre Leserschaft. Diese will bedient sein. Also schreibt ein Autor, der nicht völlig verrückt ist, immer und immer wieder dasselbe Buch, das auch immer und immer wieder von denselben treuen Lesern verschlungen und zur Signierstunde geschleppt wird. Am Ende ist er dann ein Genie mit einer ganz individuellen Vision.
Lieber Blogo, das ist mal wieder ein sehr interessanter, sehr anregender Artikel. Einige Anmerkungen möchte ich dazu loswerden: Sprache ist nicht gleich Sprache. Es gibt eine bildliche, sinnliche, poetische, anschauliche und begriffliche, abstrakte, allgemeine, akademische, philosophische usw. Sprache. Der Logozentrismus bezieht sich auf die zweite Art von Sprache. Er er bezeichnet ein Denken in letztlich metaphysischen, vernunftbegründeten Begriffen, ein Denken in einfachen Oppositionen, ein Denken in Substitutionen, in Allgemeinheiten, ein Denken der Identität, ein Denken, das nach Ansicht der bunten Mannigfaltigkeit des Seins nicht gerecht wird. Außerdem scheint mir die Opposition Bild-Sprache zu einfach. Wo bleibt da die bildhafte Dimension von Sprache? Wo bleibt die gesprochene Sprache? Wo die akroamatische Dimension der Sprache? Der Iconozentrismus unserer Zeit basiert letztlich doch auf einer uralten Entscheidung, nämlich die für die Präferenz des Sehsinns vor allen anderen Sinnen. Die Sonnen-, Augen-, Licht-, Sehmetaphoriken der antiken Philosophien zeugen davon. Bei Aristoteles steht z.B., wir liebten von allen Sinnen den Sehsinn am meisten, weil er die meisten Unterschiede offenbare. Bei allem, was an dieser Einschätzung richtig ist: diese Idealisierung des Sehsinns geht einher mit einer Herabwürdigung der anderen Sinne, zumal des Hör-, Tast-, Geschmacksinns. Und schon ist etwas aus der Balance geraten. Und das schon vor langer Zeit. Die bittere Ernte fahren wir heute ein, in einer Zeit, die von der Herrschaft des Bildes geprägt ist.
Viele Grüße
Ihr
Bolo Diaz