Sie zeigen die Deformiertheit unserer Gesellschaft, die Abgründe des Kapitalismus, die Widernatürlichkeit von Menschen, die sich lieber, anstatt miteinander zu sprechen, dabei fotografieren, wie sie nicht miteinander sprechen, aber jede Menge Spaß mit ihren Fotoapparaten haben – Berliner Szenen. Heute gibt es in der SZ eine von Jens Bisky, es geht um Bettelei in der Hauptstadt. Bezeichnenderweise steht eine Touristenfamilie, die sich in der U-Bahn zweideutig, ungeschickt, moralisch nicht einwandfrei verhält, an prominenter Stelle. In Berlin ist ja jeder ein Tourist, und deswegen reden die in Berlin wohnenden so gern über die durchreisenden Touristen.
Man könnte natürlich fragen: Gibt es Berliner Szenen nicht auch in Dortmund, in Stuttgart, in Heidelberg gar? Bestimmt. Aber da eben all die schreibfreudigen Dortmunder, Stuttgarter und Heidelberger nach Berlin gezogen sind, unter beträchtlichen Zänkereien mit den Eltern, umstrahlt die Berliner Szenen eben ein besonderer Glanz. Fragen Sie mich nicht, warum das eigentlich so ist. Aber dem ist so. Gefahr liegt in der Luft des Feuilletons, sobald von der Hauptstadt die Rede ist.
Natürlich haftet auch an den Berliner Szenen, bei aller Bedenklichkeit, bei allem dunklen Glamour, ein Makel: Sie spielen in Berlin. Und Berlin ist nun mal nichts Besonderes. Berlin ist nicht Köln, das ist ein Plus, aber es ist eben auch nicht Moskau – das ist ein dickes Minus. Der Exotismus Berlins ist durch und durch kulissenhaft – eine Filmstadt (heute sagt man: „Medienstadt“).
Jetzt will ich Ihnen aber mal was sagen. Ich, der Blogozentriker, habe erkannt, dass man schon sehr weit reisen muss, um mal wirklich etwas zu erleben. Um heraus zu sein aus den üblichen TV-Zusammenhängen. Um in einer anderen Vernunft abzutauchen. Darum reise ich morgen nach Indonesien, mit Zwischenstopp in Abu Dhabi. Schon diese Stadt (in den Vereinigten Arabischen Emiraten) wäre für mich eigentlich Kulturschock genug. Mich hat ja schon Berlin damals völlig aus der Bahn geworfen! Ein paar Stunden in Abu Dhabi also, dessen Kernstadt nicht größer ist als Köln, von der Einwohnerzahl her, und doch, mit Sicherheit, eine für mich völlig unverständliche, verstörende, hitzeverzerrte, millionenschwere Welt für sich. Und dann noch Indonesien! Jakarta, wo sie gerade einen Serienkiller dingfest gemacht haben. Und dann Bali. Und dann der Trip zurück, nur mit dem Rucksack, über Java, zum Flieger, der mich zurückbringen soll …