Der Schriftsteller Walter Mehring berichtet, wie Pablo Picasso sich zwischen den Weltkriegen die Zeit auf der Terrasse des Café La Rotonde am Montparnasse vertrieb, indem er für sein Gefolge die stilistischen Mätzchen der Malerkollegen (und Rivalen) auf einer Serviette parodierte. Ich wäre gerne dabei gewesen, muss ich sagen. Ich hätte mich an dieser Meisterschaft, an diesem unbestechlich klaren, genauen, bösen Blick des Jahrhundert-Genies erfreut. Auch Walter Mehring wird diese Auftritte goutiert haben, gilt er doch als einer der satirischsten Feder-Halter der Weimarer Republik.
Natürlich stellt auch das Karikieren, wie mein unermüdlich Einwände ersinnender Leser Bolo Diaz (der weiß, dass die Einwände am Ende siegen werden) beklagt, eine Form der Abkanzelung dar; sicherlich wäre, sagen wir, Jules Pascin nicht erfreut gewesen, hätte er seine künstlerische Arbeit in dieser Art und Weise berücksichtigt, dem Gespött der Kollegenschaft preisgegeben gesehen.
Gleichwohl! Auch eine infame Karikatur (und es ist ja denkbar, dass jemand den Stil des Blogozentrikers auf die Schippe nimmt und aus mir einen Party-Gag macht) stellt immer noch einen Akt der Bejahung dar und ist darum für mich, in meinen Augen, eine konstruktive Setzung. Warum? Weil ein WERK dabei herausspringt, etwas, von dem man sich abstoßen kann, das seinerseits auf Bejahung angewiesen ist. Das unterscheidet für mich diese Form der Kritik (eben weil sie ihre Berechtigung unter Beweis stellen muss) von der absolut destruktiven eines Familienvaters, der am Tisch brüllt, sein Mittagsmahl verspritzend: „Jetzt wird hier mal das Maul gehalten!“
Der eine missbraucht vielleicht sein Talent, der andere aber in jedem Fall seine Macht.
Tatsächlich bietet das Genre Karikatur in gewisser Weise sogar einen Schlüssel zu der ungeheuren Kraft der Verdrängung, die unsere logozentristische Kultur entfaltet. Wieso das? Eine Karikatur zeigt die Dinge, wenn auch verzerrt, so doch IN ERKENNBARER FORM. (Mancher wird bei sich denken: „Sie macht die Dinge überhaupt erst erkennbar …“) Das ist ja die Pointe einer Karikatur. Sie sitzt. Sie trifft. Sie steht auf der Seite eines gesunden Realismus. Und darum muss sie von allen Lügnern und Heuchlern bekämpft werden, von allen, die nur so tun, als ob, weil sie in Wahrheit gar nichts sind.
Besäße die Karikatur nicht ein gewisses Verhältnis zur Wahrheit, zu den realen Proportionen der Dinge – sie machte uns nicht lachen, sie träfe uns nicht, sie ginge ins Leere, wie ein Kalenderspruch. Worte aber können sich fatalerweise zu Systemen verknüpfen, die ein Eigenleben entfalten und früher oder später die Gehirne und Herzen der von ihnen Befallenen leer saugen.
Kann man das nicht abonnieren oder was? Oder Apornieren oder so…