Letzten Endes sind Medien doch nur

Letzten Endes sind Medien doch nur

- Ja, ich muss da nur zu diesem, leider, ich habe gerade nicht …
- Ja, Moment nur, ich will Ihnen nur, in groben Umrissen, ein paar Worte, worum es in meinem Roman geht, damit Sie sich ein Bild …
- Klar, vielleicht fahren Sie im Taxi ein paar Meter mit? Oder? Wär das okay? Da drüben, he, Taxi, hallo! Stopp! Moment! Warten … also, so ein Scheißer. Fährt der doch glatt einfach weiter, als hätte er mich nicht gesehen! Unerhört. Das ist eine Scheiße, heutzutage. Finden Sie nicht? Kommen Sie, laufen wir da ein paar Meter vor, damit …
- Okay, natürlich. Also, im Grunde handelt es sich um einen, man könnte sagen, ein Medienroman. Es ist ein Medienroman.
- Ein Medienroman, na, sicher. Neue Medien, ich verstehe. Die waren schon immer, hm, unheimlich, nicht wahr? Bedrohlich? Eine Herausforderung für Autoren. Schon Platon hat ja bekanntlich, aber da erzähle ich Ihnen sicherlich nichts Neues, Danny, wenn ich Ihnen sage, dass schon der olle Platon vor der Schrift gewarnt hat? Die Leute würden verblöden, weil sie sich nichts mehr merken müssten. Und heute? Heute genau dasselbe. Heute schiebt man so ein paar lächerlichen Ballerspielen die Schuld dafür in die Schuhe, dass unser Nachwuchs vollkommen verblödet und außer Gewalt auf dem Schulhof nichts mehr im Kopf hat. Und immer sind die Medien schuld. Man sollte das alles nicht zu ernst nehmen, scheint mir.
- Ja, aber meine These …
- Hallo, Taxi … na, endlich. Jetzt aber schnell rein da. Los. Sie schreiben einen Thesen-Roman, oder wie? Hab ich Sie da richtig …
- Ein Medien-Roman.
- Eben. Das denke ich doch auch. So hatte ich Sie auch verstanden, eben gerade, da draußen.
- Aber trotzdem habe ich eine These. Sie steht im Zentrum meines Textes, sozusagen. Diese These. Von ihr strahlt alles aus.
- Das ist ja nicht verkehrt.
- Meine These ist, dass die Medien die Realität inzwischen absorbiert haben.
- Die Realität absorbiert?
- Aufgesaugt.
- Trauen Sie den Medien da nicht ein bisschen viel zu, Danny? Ich meine, letzten Endes sind Medien doch nur, na ja, Mittel zum Zweck, oder? Fernsehkanäle. Was können Sie von einem Fernsehkanal groß erwarten? Oder das Internet. Wegen des Internets müssen Sie sich nicht in die Hosen machen, genauso wenig wie wegen Scheren, Sägen und Messern. Das sind auch alles Medien, nicht wahr?
- Ja, das ist, aber, Sie haben doch sicher auch Marshall McLuhan gelesen, oder?
- McLuhan? Aber ja, natürlich. Ist allerdings eine Weile her. Wenn Sie mir nur ganz kurz …
- “All media work us over completely.” Das sagt McLuhan.
- Ah, ja …
- Alle Medien stellen uns vom Kopf auf die Füße, krempeln uns richtig um. Eine Radikalkur unserer Sinne.
- Doch, kommt mir bekannt vor, ja.
- Oder Baudrillard. Oder Debord, Guy Debord …
- Baudrillard? Ist das nicht so ein Dichter? “Die Blumen des Bösen”, nicht?
- … mit seiner “Gesellschaft des Spektakels”. Wie? Nein, Sie meinen …
- Spektakel sind heute wirklich etwas inflationär, da gebe ich Ihnen allerdings Recht. Und bestimmt sind die Medien an dieser Entwicklung nicht ganz unschuldig. Das will ich auch gar nicht …
- Alles ist nur noch Simulation, wie Baudrillard es ausdrückt.
- In seinen “Blumen des Bösen”?
- Nein, ich …
- Fahrer, warten Sie, Sie können mich da drüben raus lassen, Nummer 68. Das Haus, vor dem dieser Pulk da steht, diese Ansammlung von Leuten, sehen Sie die?
- Baudrillard sagt, die Welt sei eine Simulation, und wir, Sie und ich, wir sind Simulacren.
- Moment mal, wir sind was?
- Simulacren. Imitationen von echten Menschen. Weil wir in dieser von Bildern überschwemmten Welt nicht mehr sicher sein können, ob das Gesicht, das wir morgens beim Rasieren im Spiegel sehen, unser eigenes Gesicht ist oder nur eine Nachahmung, ein geklontes Gesicht.
- Geklont?
- Wir leben im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit. Das hat doch schon Benjamin erkannt.
- Welcher Benjamin denn? Rauschenfeger?
- Die Fälschung der Welt läuft auf Hochtouren, und wir stecken mittendrin. Ist Disneyland nun echt, oder bin ich echt? Das ist die alles bestimmende Frage, oder?
- Davon handelt Ihr Roman? Von Disneyland?
- Auf einem metaphorischen Level, ja.
- Hören Sie, Danny. Vielleicht ist das Beste, Sie gehen jetzt erst einmal nach Hause und hauen sich für ein paar Stunden aufs Ohr. Was denken Sie?
- Natürlich, das ist sicher eine gute Idee …
- Das denke ich doch auch. Und Sie werden sehen, wenn Sie wieder wach sind, sieht alles schon ganz anders aus. Ich muss jetzt nämlich auch wirklich … Fahrer, was macht das?
- Das ist eine gute Idee, klar. Aber kennen Sie den Film MATRIX? In MATRIX haben die Wachowski-Brüder alles gesagt. Alles. Im Grunde ist das natürlich Schopenhauer, oder, wie Sie vorhin sagten, Platon. Das können Sie alles schon bei Platon nachlesen. Wie Sie vorhin gesagt haben. Platon. Wir sollten unseren Sinnen nicht trauen. Das Höhlengleichnis. Die Wirklichkeit besteht nur aus Schatten an der Wand. Noch trügerischer als diese Schatten an der Wand sind nur noch die Bilder der Medien. Während unsere Sinne nämlich nur naiv sind, Unschuldslämmer, sozusagen, sind die Medien Wölfe im Schafspelz. Abgefeimte Betrüger. Lügner. Die Medien sind durch und durch heuchlerisch.
- Ja, das stimmt ja sicher alles …
- Und darum müssen wir vorsichtig sein. Wir müssen auf der Hut sein.

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