- Für mich ist das weniger eine Frage des persönlichen Geschmacks. Ich sehe das eher als politische Angelegenheit.
- Bob! Was stehst du hier auf dem Flur herum und brüllst in die Luft?
- Georg, ich brülle nicht auf dem Flur herum! Ich telefoniere über mein Handy.
- Oh.
- Mit unserem Boss.
- Von der Seite sah es so aus, als.
- Wegen der Blogroll. – Ja, Boss. Was, Boss? Wen, Boss? Ja, Boss, hab ich gecheckt, ja. Nein, sicher kein Terrorist, Boss, eher ein Künstler. Was? Noch schlimmer? Okay. Verbleiben wir. Okay. Ja, Boss. Ich wünsch dir einen guten Flug. Ja, du mich auch, Boss.
- War das der Big Boss Bruder?
- Ja. Wegen dieser Leserbriefe.
- Wegen der Blogroll?
- Die Sache ist inzwischen ganz oben gelandet.
- Die haben da ganz oben wohl nichts zu tun, was?
- So kann man das sicher sehen.
Bob ließ sich in seinen face2buns gleiten. Sanft fing die Sitz-Hydraulik seinen plumpen Leib auf, wie Leda einst den Schwan empfing. Er tippte sein Password ein und sagte:
- Ich habe diesen Typen mal gecheckt.
- Unseren Leserbriefschreiber?
- Ja. Der hat schon das halbe Netz vollgeschrieben. Der betreibt offenbar gleich mehrere Seiten. Von selbstgemalten Bildern bis zu Hamburger Stadtteilpolitik.
- Ah, hm.
- Ah, hm?
- Was will der dann von uns, wenn er das halbe Netz in seiner Gewalt hat?
Bob setzte sein zynisches Blattmacher-Grinsen auf – und das, obwohl er höchstens mal ein gefälschtes Blatt in seinem Ärmel gehabt hatte – und sagte:
- Frag nie, Georg, was du für deine Leser tun kannst. Frag lieber, was deine Leser für dich tun können.
- Und? Was kann dieser bestimmte Leser für uns tun?
Bob zuckte die Achseln.
- Da blicken wir eben noch nicht so richtig durch.
- Aber um noch mal auf diesen Punkt zurückzukommen, insistierte Georg. Wenn der schon das halbe Netz auf seine Seite gezogen hat. Was will er von uns? Wir sind doch eine absolute Miniklitsche. Uns nimmt doch keine Sau wahr! Wir haben noch nicht mal ein Übernahmeangebot von Google erhalten!
- Tja. Bob klopfte mit dem Radiergummiende seines Bleistifts auf der Tastatur herum. Ich nehme an, der betreibt so eine Art subkulturelle Bertelsmannisierung.
- Und wir sollen da mitziehen.
- Die Frage ist: Wollen wir eine Gegenkultur etablieren, oder nicht?
- Ich will’s nicht.
- Okay. Das ist ein Standpunkt. Ich sehe das ein bisschen anders, vor allem nach den üblen Erfahrungen mit diesem Magazin damals …
Georg schlug die Hände über dem Kopf zusammen.
- Fang nicht wieder damit an, bitte! Das große, ewige Trauma!
- Schon gut, schon gut. Das eigentliche Problem ist. Ich hab das eben mit Bruder besprochen. Du hast das ja auch gesagt. Wir haben uns schon mit Random House angelegt. Eine Nominierung für den Bambi kommt für uns also nicht mehr in Frage. Pink wird nicht für uns singen.
- Ja, und?
- Dieser Typ äußert sich auf seinen Internetseiten ziemlich spöttisch über den Hamburger Bürgermeister.
- Über von Beust?
- Yep.
- Dann lassen wir doch mal lieber die Finger davon, oder? Ich meine, du weißt, wir leben in unsicheren Zeiten. Legen wir’s nicht drauf an. Nicht, dass hier ein Sondereinsatzkommando in unser gemütliches n+2-Büro marschiert kommt. Und wir uns am Ende mit diesen ganzen Pappkartons noch verschanzen müssen. Eine Barrikade errichten.
- Wie diese Terroristen in Bombay.
- Also, ich hab auf so etwas keinen Bock. Wie sieht’s bei dir aus?
- Ich hab Ärger genug mit meiner Ex-Frau.
Die Durchstreichung der Realität
November 28, 2008 von blogozentriker