- Was, äh. Oh. Entschuldigung. Ich wusste nicht.
- Nein, nein, kommen Sie, kommen Sie rein. Es ist ja Ihr Büro.
- Ja …
- Ich spiele nur Anna gerade etwas vor.
- Sie. So.
- Ja, Frau Dehmel wollte mich nur zeigen, wie man den Puck, also, spielt.
- Aber. Ist das nicht ein bisschen gefährlich? Steigen Sie doch wenigstens hoch auf den Tisch, Frau Dehmel! Das ist doch stabiler da oben.
- Nein, nein, Niklas, absolut, ich weiß Ihre Fürsorge zu schätzen, aber so ein Stuhl. Der ist doch, das ist ja alles sehr stabil, hier. Metall. Kein Problem. Anna und ich, ja, also, wir sprachen über, also. Anna hatte mich gefragt, wie man den Puck spielt. Richtig spielt. Denn er wird ja falsch gespielt von Tatjana. So spielt man ja den Puck nicht. Und Anna fragt mich also. Eine dramaturgische Frage, haha, die natürlich. Da schlägt auch das, also, mein Mann, der hat ja auch Regie studiert. Das Regiefach. Das wissen Sie? Dann hat er seinen Doktor gemacht, aber da, zu dem, also, zu dem Zeitpunkt. Oder wussten Sie das eigentlich?
- Äh, ja, was denn?
- Dass er damals Regisseur werden wollte?
- Nein, das, so nicht. Wollte er das denn?
- Natürlich, natürlich. Er war, ich fand immer. Wissen Sie, heute ist das ja alles ganz, das ist ja doch eine kleine Ewigkeit her, inzwischen. Alles ist anders, sehr anders. Aber ich habe zu ihm immer gesagt: Sehr begabt, sehr begabt. Und das war er.
- Der Beginn einer Karriere.
- Das war er. Eben. Natürlich. Aber dann. Ich finde, Tatjana, um das noch mal zu sagen, wie sie das spielt. Da sind die Wege, die Reaktionswege, immer viel zu lang. Ist Ihnen das aufgefallen? Ich hab das immer bei ihr beobachtet, immer! Ich hab immer gern beobachtet. Tatjana, haha, offenbar ja nicht so. Ein Schauspieler, wissen Sie, ein Schauspieler ist ja ein Beobachter, in erster Linie. Er muss, er muss beobachten. Immerzu. Er muss die Augen offen halten. Auch die Ohren. Das ist wichtig! Vieles hört man ja auch, das sieht man gar nicht. Darum sind die Ohren so wichtig!
- Die Ohren.
- Genau. Wenn Oberon, also der Jürgens, wenn der zu ihr sagt, hol mir diese zaubermächtige Blume. Diese Feenblume. Und dann macht sie, ha.
- Vorsicht! Der Stuhl!
- Nein, ich, ich zeige ja nur.
- Ja. Ich verstehe.
- Das geht schon.
- Aber passen Sie bitte.
- So, hier, ganz weit drüben. Da ist sie schon. Ganz weit drüben, viel zu weit weg. Und dann dreht sie sich erst um, auf Jürgens’, also Oberons, Zuruf hin.
- Auf.
- Ich muss aber jetzt auch sagen, Frau Dehmel, dass das wirklich zu.
- Nein, Anna, keine Sorge, das ist wirklich völlig ungefährlich. Ich komme ja vom Tanz, darum dieses Gefühl für das Gleichgewicht, für die Balance. Auch in meinem Job, in meiner Position, da kommt mir das zugute. Das Ausbalancierenkönnen. Und da muss auch das Licht schneller reagieren, also, ich verstehe das Licht nicht. Das ist viel zu langsam. Wer ist bei uns eigentlich für das Licht zuständig? Und was macht der Regieassistent? Das muss der doch auch im Blick haben.
- Ja, aber meinen Sie nicht, dass Sie jetzt besser.
- Die Gassen, zum Beispiel, da ist ganz fahles Licht. Und der Hunzinger, also, der ist ja sehr dünnhäutig. Das ist ja. Gerade für einen Regisseur ist er sehr, sehr dünnhäutig. Aber da hat er Recht, dass da ein ganz furchtbares Licht ist, in den Gassen. Auch hier, vorne, an der Rampe. Wer legt denn da so ein furchtbares Licht hin? Doch nur ein Idiot! Wer macht denn bei uns das Licht?
- Sie meinen, bei dem Stück?
- Und auch der Ton. Da stimmen einfach die Einsätze nicht. Das hab ich beobachtet. Wenn der Regen losgeht, da regnet es schon. Also, die Schauspieler regnen.
- Die.
- Das muss synchron sein, sonst macht es keinen Sinn. Das sind, wenn Sie mich fragen. Anna. Weil Sie vorhin fragten, nach Theatralität. Wir sprachen vorhin auch über Theatralität, Niklas. Das ist ein schönes Wort, Theatralität. Das sollten wir in Ehren halten.
- Natürlich.
- Theatralität, das beruht auch auf Synchronizität. Auch ein schönes Wort.
- Vollkommen.
- Die Synchron, die Synchronizität der Sinne, der Sinnesreize. Davon lebt das Theater. Die Illusion, die Magie. Wir brauchen diese Poesie. Sonst ist es, das ist sonst alles für die Katz. Das ist sonst Scheiße. Welcher Idiot ist denn eigentlich für diesen ganzen Scheißdreck verantwortlich?
Was genau machen eigentlich Dramaturgen?
November 28, 2008 von blogozentriker