Vom Leben schreiben

Januar 11th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Die Zeiten, da mancher sich dachte: „Mensch, singen kann ich nicht, schreiben kann ich nicht, denken kann ich nicht – da werd ich doch Kulturreferent!“ – diese Zeiten sind leider vorbei. Heute sind die Jobs knapp, und die Bandagen sind hart, gerade im Bereich der Kultur. Die meisten von uns sind schlicht und einfach zu sensibel für den Kulturbetrieb, und das ist eine gute Nachricht für die Werbewirtschaft.

- Werbung wäre natürlich auch eine Möglichkeit. Ich finde das keineswegs anstößig. Seine Haut verkauft man ja so oder so. Also warum nicht möglichst teuer, damit man auch was davon hat?
- Eklig wird es nur, wenn man anfängt, dieses Tun irgendwie moralisch oder ästhetisch rechtfertigen zu wollen. So nach der Devise: „Wir machen ja auch Werbung gegen das Rauchen und für Greenpeace!“ Oder: „Werbung ist ja eigentlich Kunst!“

Zugegeben: Die Werbung ist nicht das Gelbe vom Ei, wirklich nicht, noch nicht mal das Weiße. Sie ist eher ein faules Ei. Und welche Farbe haben faule Eier? Bläulich? Grünlich? Gleichwohl führt für viele ein Weg an der Werbung nicht vorbei. Die Karriere als Autor oder als Stand-up-Comedian ist gescheitert, eine Kleinfamilie will womöglich ernährt sein, außerdem quengeln die Eltern und pochen auf das Anrecht, dem Sprössling bei der Entfaltung zuzusehen.

Und da leuchtet dann in der Tageszeitung diese Stellenanzeige: TEXTER GESUCHT.

Die Vorteile, die viele bei der Werbung sehen: Zum einen ist die Werbung ein Sammelbecken für gescheiterte Existenzen. Zu diesen darf sich inzwischen mancher rechnen. Und zum anderen sind unter den Blinden die Einäugigen Könige.

Bedauerlicherweise darf man in der Werbung ja nur in eine Richtung schreiben – nach oben. Daran muss man sich gewöhnen. Für jemanden, der eher ein newtonisch-gravitätischer Typ ist, den es nach Erdung und realistischen Proportionen verlangt, stellt auch das keine kleine Leistung dar. Manch einer bajazzot ja lieber nach unten, als hoch zu jazzen.

Um in der Werbung erfolgreich zu sein, darf man eben NICHT ironisch, NICHT subversiv sein. Man muss sich immer linientreu verhalten, immer und unausweichlich. Es gibt den Apparatschik mit erfrischendem Humor eben nicht. So einfach ist das. Das System lässt nur zu, was kompatibel ist mit ihm, dasjenige aber, das tatsächlich über es hinausführte, weist es weit von sich.

Doch auch, wenn die Texte, die man als Werber zu verfassen hat, ausnahmslos reichlich dämlich sind, lässt sich immer noch leicht argumentieren, diese Art von erkennbarem Schwachsinn sei doch bei weitem weniger schädlich, als wenn man ähnlich getönten Blödsinn im Namen journalistischer Berichterstattung hinschriebe. Man muss den Brustkorb nicht so idealistisch aufpumpen – oder gar auf irgendwelchen Nutzwerten für den Leser herumkauen. Zudem sind wir ja längst in das Zeitalter der allseitigen Selbstparodie eingetreten sind – mit Baudrillard könnte man von „Simulation“ und „Simulacren“ sprechen –, und also steht die Frage im Raum, ob Texte überhaupt noch irgendeine reale Bedeutung und Wirkung haben?

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