Vom Schreiben leben
Januar 11th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Ich bin bei einem Start-up-Unternehmen am Stadtrand angestellt und schreibe Internet-Texte für einen Stromriesen, ONE. Neulich haben die reklamiert, ich hätte über Kernenergie zu negative Ansichten, das solle ich bitte ein bisschen stärker ins Positive bügeln; außerdem muss ich Link- und Bücherlisten nachliefern. Unentgeltlich, versteht sich. Das sei alles in der einmalig ausgezahlten Auftragssumme enthalten. Damit werde ich mich also die nächste Woche herumschlagen dürfen. Tja, man soll halt nicht für die bösen Jungs arbeiten. Früher oder später stecken sie dir doch den Colt in den Arsch.
Die E-Mail von der ONE-Tante, die von meinen Auftraggebern an mich weitergeleitet wurde, ist wirklich ein veritables Dokument der Psychopathologie! Daran kann man sehr gut studieren, wie ein verzerrter, irrsinniger Verstand arbeitet. Okay, das kann man der Dame andererseits ja auch nicht zum Vorwurf machen. Da sind nicht nur die Belastungen in Rechnung zu stellen, denen wir ohnehin ausgesetzt sind als Bewohner des 21. Jahrhunderts. Es kommen bei ihr auch noch so seltsame Notwendigkeiten hinzu wie die, das Offensichtliche – Kernenergie tötet Menschen – zu leugnen. Oder, schlimmer noch, ein Feld zu schaffen, in dem die Messages „Kernenergie kills“ und „Kernenergie ist gut“ sich überlagern, überblenden, verschmelzen zu einem einzigen Icon: ein Totenschädel, der an die Zukunft denkt.
- Kennst du eigentlich die Geschichte mit ONE, die einer mitteldeutschen Regionalzeitung im letzten Vierteljahr passiert ist?
- Erzähl.
- Die hatten einen längeren Artikel über die deutsche versuchte Ausrottung der Juden und brachten auf der gleichen Seite, auf der dieser Artikel stand, direkt unter dem Artikel, eine ONE-Werbung, die wohl den Claim hatte: „Wir liefern das Gas!“