Ach, Amok!

Januar 12th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Also noch mal. Mein Gesicht, zum zweiten Mal zum letzten Mal. Beim letzten Mal war’s ja ziemlich schief gegangen, die Geschichte mit dem letzten Mal. Zur Erinnerung: Georg hatte, im Zusammenspiel mit dieser furchtbaren, wahnsinnig brutalen Stewardess, meinen Terrorauftritt scharf ausgebremst. Dabei war ich gerade so schön in Fahrt gewesen mit meiner täuschend echten Revolverattrappe! Alles hatte sich perfekt angelassen. Und Georg, der ja angeblich mein Freund sein soll? Verrät mich einfach. Tritt mir die Beine weg, von hinten. Nie und nimmer wäre doch jemand auf die Idee gekommen, mein Revolver könnte nur eine billige Kaufhaus-Imitation aus Seife sein, auch wenn dieser dicke Idiot dann natürlich gleich behauptet hat, er sähe das auch, auf Anhieb, dass meine Waffe nicht echt sei. Lächerlich! Das Ding sieht täuschend ähnlich aus, absolut echt. Ich sage Ihnen, wenn Sie diesen Revolver in die Hand nehmen, dann wundern Sie sich zuerst sogar darüber, dass er so leicht ist, weil er so stählern aussieht und so schwer, so täuschend, so authentisch. Echt, eben.

Gut, es war also einmal schiefgegangen. Aber gibt es nicht immer eine zweite Chance? In allem? Ich kann Ihnen sagen, meine Eier taten immer noch weh, ein Zwacken ab und an und ansonsten ein brummender, tauber Schmerz. Breitbeinig stand ich da, vornüber gebeugt. Das war echt eine Nummer zu viel gewesen an zupackender Brutalität. Dass so feine kleine Hände so metzgerhaft quetschen konnten! Erstaunlich! Ich wüsste wirklich mal gern, aus welchen Einheiten so eine Stewardessen-Ausbildung im Detail besteht. Kraftsport spielt auf jeden Fall eine Rolle, würd ich mal schätzen.

Entsprechend verzerrt fiel jetzt mein Grinsen aus. Beim letzten letzten Mal war es mir leichter über die Lippen gekommen. Zumal da auch noch Blutspuren waren auf meiner rechten (im Spiegel: linken) Schulter. Insgesamt machte ich schon einen reichlich fragwürdigen Eindruck. Nicht unbedingt ein strahlender Held, der Knabe, der mich da verquält angrinste. Na ja. Man musste sich ja auch nicht unbedingt Gedanken machen über diesen Typen jenseits der Spiegelglasscheibe. Ich meine. Es gab ja keinen Zwang, sich immer und überall etwas dabei zu denken. Das war ja kein Gesetz, auch kein Naturgesetz. Man konnte ja auch einfach so loslegen, aus der reinen Immanenz heraus, aus leerem Antrieb und purer Lust, hier und jetzt und bums und aus.

Natürlich war es ein bisschen ein Problem, dass der Griff meines Seifenrevolvers geschäumt hatte. Das sah schon seltsam aus. Schweißnasse Finger vor Aufregung, Sie wissen schon. Man macht ja nicht jeden Tag so einen Terroranschlag, so einen terroristischen Hijacker-Amoklauf im Jumbojet. Ich jedenfalls nicht. Und da waren mir eben die Nerven ein bisschen. Blöde Geschichte. Durchgegangen, ja. Ich hatte natürlich den Schaum mit einem Papierhandtuch abgewischt, klar, aber trotzdem. Der Lack-Effekt, der vorher wirklich superüberzeugend gewesen war, war jetzt einfach im Eimer. Das sah sehr matt aus, beinahe grau. Ich musste das Ding gleich geschickt halten, damit man diese grauen Stellen nicht sah.

Egal, sagte ich mir. Komplett egal. Es kam auf die Überzeugung an, die einen vorwärts trieb, darauf, dass man es wirklich WOLLTE. Und das war bei mir wirklich 100-prozentig der Fall. Ich war so verdammt entschlossen wie der Wille zur Macht selbst, kurz bevor er den Knopf drückt, der die Umwertung aller Werte einleitet. Wenn Sie verstehen, welche Art von fast psychopathologischer Entschlossenheit ich meine.

Ich quetschte meine Zigarette ins Waschbecken und legte den Türverschluss um. Auftritt, Action, sagte ich mir. Doch hinter der aufklappenden Klapptür erwartete mich schon etwas. Ein freundliches Grinsen. Der dicke Typ mit dem dunklen Bartschatten sagte zu mir: „Na, Sie haben sich aber Zeit gelassen! Sie sind ein Genießer, was?“ Mit diesen Worten schob er sich schon an mir vorbei, halb in die Toilettenkabine hinein, und drückte mich gegen den Türrahmen. Dabei nahm er mir den Revolver aus der Hand. „Die Seife, ah, danke. Prima.“ Mit einem Strahlen verkündete er, die Klapptür schon vor meiner Nase zuschiebend: „Wahnsinnig praktisch, so eine Seife in Revolverform. Ich fange immer am Griff an, sie zu benutzen.“ Und indem er auf die Spuren meiner Aufregung deutete, fügte er hinzu: „Sie auch, wie ich sehe, hahaha.“

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