Angreifbar
Januar 16th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Gottfried Benn hat sich in einem berühmten autobiographischen Essay leidenschaftlich dazu bekannt, ein „Doppelleben“ geführt zu haben als Arzt und als Dichter. Gleiches kann auch mein Vater für sich in Anspruch nehmen. Er führte gleichfalls ein Doppelleben, doch sprach er nie darüber, schrieb auch nichts. Auf der einen Seite führte er die Existenz eines Maschinisten in der Hobbes’schen Maschine, dort, wo das menschliche Leben gemein, brutal und kurz ist, im Kollektiv-Moloch, der sich von Staatsdienern und Steuergeldern ernährt. Er war, man kann sagen mit kalter, resignativer Begeisterung, ein Rädchen im Getriebe. Er wurde gut bezahlt für seine Arbeit und verbuchte das als Erfolg.
In einem parallelen, nicht minder imaginären Welt-Raum jedoch war er der Held und Hauptdarsteller billiger Krimis. Hier plätscherte er dahin in der lauwarmen Suppe marktgängiger Groschen-Phantasien, quietschvergnügt, nehme ich an, wie ein Embryo in einer Nährlösung, beinahe wie aufgelöst in dem ihn umgebenden Element. Vom Dienst kam er mit der Familienkutsche heim, aß freudlos, trank ein erstes Glas Wein (weitere würden folgen) und setzte sich mit einem Krimi – nicht selten waren es Remittenden aus dem Supermarkt, gekennzeichnet mit bunten Ramschetiketten – in eine Ecke.
Sein Motto war: „Goethe, das ist doch Seelenscheiß! Wenn man mal was Anständiges lesen will, muss man zu einem Krimi greifen!“ Das sagte er bei einer Geburtstagsfeier, einen der Bände der familieneigenen grün gebundenen Klassikerschmalspurausgabe in der Hand. Trotzdem hörte man von ihm auch den Satz: „Vielleicht bin ich ja auch ein kleiner Goethe?“ Damit bezog er sich auf die Akkuratesse, die er beim Sammeln von Miniatureisenbahnen an den Tag legte, wie Goethe sich auf die Steine stürzte und den Granit mit dem Hämmerchen bearbeitete.
Am liebsten lief er nur mit einer Badehose bekleidet im Haus herum. In späteren Jahren ließ er sich zu einem Jogginganzug überreden. Insofern hätte er, Ratsherr a. D. und Ehrenmitglied der CDU, sehr wohl zum Heros unserer gegenwärtigen grobianischen Kultur getaugt. Er ist undeutbar, hoch sowohl wie niedrig, cool hinter seinem schweren Zigarettenrauch, im Altgriechischen ausgebildet und zugleich ein Technikfan, finster verschlossen gegen seine Kinder und die ihn Begleitenden, dabei doch mit einem heftig schlagenden, idiotischen Herzen begabt.
Er führte ein Doppelleben, weil er der Welt nicht gewachsen war, und da keiner je der Welt gewachsen ist, führen wir alle ein Doppelleben, und unterm Strich leben wir vielleicht alle überhaupt nicht, sondern träumen nur, dass wir lebten. Und damit wären wir wieder bei Beuys, dem man nicht vorwerfen kann, dass er dem Menschen zu viel zugetraut hätte, als er ihn zum geborenen, naturgegebenen Künstler erklärte. Im Gegenteil! Mir scheint, diese Definition sei depressiv. Sie tangiert unsere Möglichkeiten nur. „Jeder Mensch ist eine Welt“, das wäre ein Satz.