NAR, NTR

Januar 19th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

In einem in der „Süddeutschen Zeitung“ vor einigen – vielen – Jahren veröffentlichten Porträt des Schauspielers Robert Mitchum (mag sein, es handelte sich um den Nachruf) teilte der Filmreporter Michael Althen mit, der Mime habe sich in seinen Drehbüchern zuweilen das Akronym NAR an den Rand geschrieben. Heidegger, der den Untergang des Geistes resp. des Seins in totaler Selbstvergessenheit mit der unseligen Vorliebe für Abkürzungen und aneinandergereihte Großbuchstaben in Zusammenhang brachte (Stanley Cavell berichtet das in seinem Essay DIE UNHEIMLICHKEIT DES GEWÖHNLICHEN), hätte natürlich seine helle Freude an dieser Trias gehabt: ein Schauspieler, Hollywoodfilme, Abkürzungen. Da passt kein Blatt dazwischen, so vom Gedanken der Erlösung her gedacht.

Schön finde ich aber die Auf- und Einlösung dieses Akronyms. NAR, das bedeutete, und die kraftvolle Eleganz und philosophische Richtigkeit dieses Notationssystems lässt mich noch heute schaudern: „No Acting Required“. Wenn Heidegger sich also gerade so richtig schön die Hände warm gerieben hat über seiner wie ein Fanal lodernden Massenkultur-Trias – jetzt zuckt er zurück: Ein Schauspieler, aus Hollywoodfilmen berühmt, der mit solcher Klarheit erkennt, wie verkommen und hirnlos das alles ist, für welche Art von Dienstleistung er eigentlich bezahlt wird? Für den Verzicht auf die Kunst des Denkens nämlich? Dafür, dass er sich eben nicht rund um die Uhr die Frage stellt: WAS HEISST DENKEN?, sondern stattdessen fragt: Wofür werde ich bezahlt?

Nein, klar; Heidegger hätte aus dieser Sache ebenso seine Funken zu schlagen vermocht wie Adorno. Das ist einfach ein gefundenes Fressen, diese stumpfsinnige Aufgeklärtheit, dieser Zynismus, dieses Mitmachen trotz besserer Einsicht. Wer sich dem Unheil nicht entgegenwirft, arbeitet daran mit. Kann man aber Robert Mitchum im Ernst einen Vorwurf daraus machen, dass er die Rolle jenes Helden spielte, nach dem die Leute nun einmal verlangten? Ich finde, dass man seinem acting durchaus ansehen kann, dass er wusste, wann es required war und wann eben not. Und seinem Gesicht kann man jederzeit den Preis ablesen, den es kostet, eine Kamera auf sich gerichtet zu haben.

Gleichwohl habe ich oft diese fast weinerliche Sehnsucht in mir nach dem NAR. Ich gebe zu, das ist … aber wissen Sie, wenn man dafür bezahlt wird, dass man etwas schönschreibt, hochschreibt, irgendwieschreibt, eine Banane geradeschreibt oder doch erklärt, warum das Tolle an einer Banane gerade die Krummheit ist – oft hat man dann diesen Wunsch in sich, einfach ein NAR überall an den Rand zu pinseln, an diese überlauten Verlautbarungen, an diese banalen Tiefsinnigkeiten, diese völlig unmoralischen Angebote. Das alles nicht an sich ran zu lassen, das wünscht man sich oft als Mitarbeiter von n+2, getreu dem Motto: „Nur NAR, nicht Dichter.“

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