Spüren, dass einer da ist, zu dem man zur Not “Ich” sagen könnte
Januar 19th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Man könnte das im Titel formulierte, nun ja, Anliegen vielleicht am leichtesten beschreiben, indem man einen Typen einführt, der in einer Kneipe sitzt mit seinem Bier, in so einem Umsonst-Heftchen mit popkultureller Ausrichtung blättert, weil er die SZ schon durch hat, und ab und an hinüber linst zu drei Mädels, die sich um einen quadratischen Holztisch geschart haben. Nette Mädels. Die Musik geht ihm nicht auf die Nerven, stellt aber auch keinen wesentlichen Trost dar. Er trinkt sein zweites Bier. Abends, nach der Arbeit, geht er gern in eine Kneipe in der Nachbarschaft seiner Einzimmerwohnung (genau) und trinkt sich in einen leichten Rausch hinein. Das sind die kostbaren Stunden für ihn, die Stunden in jener Mittel- oder Zwischenwelt, ein Zustand des alkoholischen Außersichseins, nur ganz leicht aber, ein Schwebezustand, kein Drama. Kein Dionysos klopft mit einem gehörnten Tierschädel von innen an. Apoll behält den Überblick über die Situation und sagt: “Eins geht noch.”
“Ich nehm noch eins”, sagt also unser Freund, Held dieses Beitrags. Wie leicht man Held wird! Man braucht nur einen, der blöd genug ist, über dich zu schreiben, und schon bist du Wer. Na ja, klar, wer, das ist immer noch die Frage. Du kannst so ein Wer sein und so einer. Aber letztlich ist es auch egal. Was die Leute in Erinnerung behalten werden, ist, dass du wer warst, ein jemand. Einer, an den zu erinnern sich lohnt. Und allein deswegen, und pfeif doch auf das, was du genau getan hast, wird man dich im Gedächtnis behalten. Hast du eine CD herausgebracht? Oder einen Roman? In einem Pilotfilm zu einer Vorabendserie, die dann doch nicht produziert wurde, mitgespielt?
Wie auch immer, jetzt ist unser Held in einer Agentur eingestellt. Was genau er da macht – glauben Sie mir, Kleiner, das wollen Sie gar nicht wissen.
“Blöder Scherz”, denken Sie jetzt, weil Sie es ganz und gar nicht mögen, wenn man Sie “Kleiner” nennt, und Sie hüpfen kurz auf und wollen schon den Blog wechseln. Sie haben den Finger schon auf dem Button, aber dann überlegen Sie es sich doch noch mal. Keine Ahnung, warum, Sie. Ich meine, Sie haben keine Ahnung, warum Sie nicht einfach Ihrem Wut-Impuls gefolgt sind. Meist sind die Wut-Impulse ja die besten, diejenigen, die einen am weitesten führen. Man steht auf und schlägt einem Typen eine rein, und dann wird man gefeuert, und ein paar Jahre später sagt man sich: “Uff, dass ich da raus bin, aus diesem Laden!” Man hat unterdessen eine der Mitarbeiterinnen im neuen Unternehmen geheiratet, macht zwei Mal im Jahr Skiurlaub und ist sowieso eine ziemliche Pfeife geworden. Ein Mittelstandsbürger, einer, der für sich selbst vorsorgt und für die zwei Kinder, die er in der vielen Freizeit in die Welt gesetzt hat. Wenn die Welt untergeht, okay, dann hat man auf die falsche Karte gesetzt, sowohl, was die Vorsorge anbelangt, als auch hinsichtlich der Kinder. Aber wie groß ist schon die Wahrscheinlichkeit, dass die Welt untergeht? Eben.