Schädel, Escher, Bach
Januar 20th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Die Morgenstunden in ihrer jungfräulichen Reinheit waren für Konstantin Schädelbach – VON Schädelbach, wie er späterhin heißen würde – stets die kostbarste Tageszeit für seine Produktion. Keine Sorge, “Produktion” – wir reden hier nicht etwa von so einem schnöden bürgerlichen Beruf, mit dem sich Geld verdienen lässt in berechenbarer Quantität; natürlich war Konstantin (von) Schädelbach einer jener Ritter des Ästhetischen, auf die Sie, als Leser des blogozentrikers, ein Anrecht haben!
Der Schriftsteller also begann sein Tagewerk damit, dass er sich eine Kerze zurecht schnitzte aus weißem Wachs. Diese umständlich entzündet habend, nahm er hinter seinem Stehpulte Aufstellung, die altertümliche und kratzig-geborstene Feder in der Hand. Mit leicht schräg nach oben gewandtem Haupt pflegte er dann dazustehen und auf den Einfall zu warten – auf den Einfall der Inspiration. Lange stand er so, in die Schatten des Morgens starrend. Das gehörte für ihn zum künstlerischen Wachdienst, es war unabdingbarer Bestandteil seines schöpferischen Rituals. Leise tropfte die Tinte von der spröden Feder aufs weiße Papier.
Wer nicht warten, nicht ausharren konnte, so des Poeten stille Überzeugung, der war auch des fertigen Werkes nicht würdig; der sollte doch einfach nach Hause gehen! Enervierend natürlich das leise Gebrumm der Autostraße vor dem Haus, zugegeben; an derlei Unbill jedoch musste sich gewöhnen, wer im 21. Jahrhundert das Amt des Dichters versehen wollte. Sogar in die Lüfte hatten die Menschen es dank dämonisch ausgefeilter Techniken der Naturbeherrschung und -überwältigung geschafft! Mit Flugzeugen querten sie die Himmel, Ikarusse mit gutem Gewissen, strahlend empfangen von stolzen Vätern, beschienen von der Sonne der Gnade.
Sich davon in die Knie zwingen zu lassen, fiel unserem Mann freilich nicht ein. Natürlich nicht! Sein Vater war Offizier gewesen, sein Großvater Feldwebel; einfache, aber starke, starrsinnige, widerborstige Männer des Nordens, zähes Fleisch, das auch von Kugeln durchsiebt auf dem Feld der Ehre die Fahne gehalten hätte, das Banner emporgereckt zu letztem Triumph, dem Triumph des Geistes, der leben will, über das Fleisch, dem ein Tod ganz recht ist.
Da fiel es ihm ein, siedendheiß; dass er, der doch von den Dingen der Welt schon vor so langer Zeit Abschied genommen hatte – endgültig, wie er damals geglaubt hatte -, dass er jetzt doch noch einmal zurückkehren wollte in die Niederungen der Fernsehpolitik und sich diese Inauguration anschauen, von diesem schwarzen Präsidenten, diesem Hoffnungsträger, dieser Lichtgestalt aus weiter Ferne! Wie hieß der gleich? Obama, ja, richtig. Schon der Name, so kindlich rund und weich, O-BA-MA, und davor ein Name, “Barack”, der an die Härten soldatischer Existenz gemahnte. Eine vielversprechende Mischung, die den vielfältig-verwirrenden Anforderungen dieser Welt wohl gewachsen sein mag, dachte Konstantin Schädelbach bei sich, und uns fällt auf, dass er leise dabei vor sich hinpfeift.