Viktor/Vektor/Victim
Januar 20th, 2009 § 1 Kommentar
Sein Finger hob sich von der Taste, das Hämmerchen schwang zurück, glitt rasch zurück ins Spalier. Mit einem Ssst glitt das Knallen der Schreibmaschine ins dunkelgrüne Gehäuse, und Stille machte sich breit. Der Buchstabe auf dem Blatt verschwand, das Farbband zeigte sich frischer. Der Text war damit gelöscht, revidiert, der grauenerregende, kompromittierende Text; wir waren beim Anfang angelangt, endlich, und von neuem stellte sich das altbekannte Unbehagen ein. Er würde einen Tee trinken müssen, einen vergifteten, um – nicht nur sich – einen Grund für dieses immense Unbehagen zu liefern. Das war der Nachteil dieser rückwärtsläufigen Welt: Immerzu musste man Ursachen finden für Wirkungen, aus denen man hervorging, aus denen man zurückstürzte durch den engen Korridor des Raum-Zeit-Kontinuums wie aus einer Fall-Tür, hinein in die nächste Bredouille.
Einen Tee trinken – das sagte sich so leicht. In der Praxis bedeutete das, eine bräunlich-dünne Flüssigkeit in kleinen Schüben aus sich herauszuwürgen, in eine Schale aus dünnem Porzellan, in leise plätschernden Wellen. Nur wenn man sich von diesem Gift befreite, kam man den Dingen auf den Grund – diesem Unbehagen insbesondere. Man fühlte sich geschwächt danach, entkräftet. Man sehnte sich hinterher nach etwas, nur wusste man eben nicht, was es sein könnte; alles, was man sich hätte herausziehen können, würde einen noch elender machen.
Aber davon einmal ganz abgesehen. Die eigentliche Schwierigkeit bestand ja darin, jemanden aufzutreiben, der einem den Tee vergiftete. Der Tee musste vergiftet sein, so stand’s im Drehbuch (das WER schrieb?); wer es aber erledigte, das gab der Große Produktionsleiter natürlich NICHT vor. Er – ich –, fertige Form, vollendete Gestalt, die zu ihren amorphen Anfängen zurücksank, langsam, tröpfchenweise, Minute um Minute verringert um gewisse Schalen von Erfahrungen, abgebaut und reduziert, minimiert, wie kleingeklopft, gehemmt dadurch, durch diesen Schwund, diesen Abrieb, den das Verschwinden brachte – ich, sagt er, war beunruhigt. Ich wusste, jemand würde meinen Tee vergiften, aber ich wusste einfach nicht, wer. Und ich würde es nie erfahren. Und doch grub ich in meinem Kopf … aber das ist ja nur menschlich, nicht wahr; man braucht die Illusion, die Fäden in der Hand zu haben.
Ich sehnte mich nach der endgültigen Auflösung. Ich wusste, ich hatte die Tür geöffnet, ich wusste, ich war die Treppe heraufgekommen, ich erinnerte mich, es stand mir alles vor Augen. Ich würde also sogleich die Treppe hinunterlaufen, unvermeidlich, eine einfache, durch nichts zu stoppende Abfolge von Bildern, dazu eine bizarre Tonspur, an deren Gekreische ich mich nie hatte gewöhnen können. Es war geschehen, und es würde geschehen. Nur: WARUM ich all dieses Grauen und diese Qual noch einmal produzieren musste, warum ich SEHENDEN AUGES in diese Schmach marschieren musste, meine Hände mit kaltem Bewusstsein in Blut tauchen musste – keine Antwort. Das Universum schwieg. Es presste das Wissen um unsere Taten in unser Gehirn, und dann löste es diese Taten auf, wie wir ein Rätsel lösen. Aber etwas blieb. Ein Rätsel legt man weg und vergisst, das Heft, in dem es steht, verrottet; aber diese Dinge blieben. Ich würde ja niemanden töten, im Gegenteil, ich würde jemanden erlösen, vom Tod erlösen; ich würde diesen Jemand ent-töten, wenn dieses Wort einen Sinn hatte! Als Ent-Mörder würde ich meine entsetzliche Untat ungeschehen machen. In mir mischte sich Grauen mit Erleichterung – und mit neuem Grauen. Froh und munter würde sich die junge Frau, deren Gesicht jetzt wieder ganz deutlich vor meinem geistigen Auge stand, erheben, herumhüpfen, sie würde lachen, springen würde sie, ein ganz unbefangenes, unbedarftes Ding, das nichts Böses ahnte. Ich würde ihren zerschnittenen, zersägten Leib zusammensetzen, ihre Einzelteile aus den schwarzen Plastiksäcken holen, das Wunder der Rekreation vollbringen … ich war der Meister, der Schwarze Meister, der Zusammenfüger mit düsterem, schwer-dumpfem Gewissen. Ich war das Böse, das die Menschen von neuem hüpfen und glauben ließ, da capo al fine.
Ich erlöste die Welt zu ihrem Untergang, indem ich zu vergessen suchte, was ich getan hatte. Bald darauf würden die Leiden bei mir wieder einsetzen, das wusste ich ja im Vorhinein, die bohrenden, nagenden Erinnerungen, die noch keine Erinnerungen waren; zu vage, zu hoffnungsvoll und bang waren sie für Erinnerungen. Es würden Erinnerungen ohne Fleisch sein, sozusagen, nur die Absichten, die Schatten von Erinnerungen. Wie sollte man das erklären? Diese Welt war nicht logisch. Ich erinnerte mich an ALLES. Die Welt der Körper konnte man umdrehen, rückwärts laufen lassen; die Welt des Geistes aber nicht. Hier war alles unverrückbar gebannt, unauslöschlich, eingraviert, eingeätzt. Wer glaubte, die Festplatte würde gelöscht, beim Rückwärtsspulen dieses Films unserer Arme, Beine und Hände, der irrte. Der irrte gründlich. Was geschah, war: Du gewannst die Einsicht von ZWEI Seiten in diese Sache, das war alles. Du sahst sie von vorn und von hinten, und doch sahst du gar nichts. Es war wie bei einem kubistischen Gemälde, oder als könnte man sich selbst auf den Hinterkopf schauen. Aber was bringt das? Du siehst deinen Hinterkopf, ein opakes Ding mit Haaren drauf. Es ändert nichts. Einfach das Rad der Geschichte zurückrollen – das war der Sehnsuchtstraum. Aber er trog. Er war eine Lüge. An das Rad bist du nämlich geflochten, das hattest du nicht bedacht! Deine Erinnerung, sie funktioniert in beide Richtungen, denn der Mensch ist keine Kaffeetasse, die sich zusammenfügt aus weißen Scherben, in sich, heimholend, den verspritzten Kaffee verschließt und dann hinaufschwebt, langsamer werdend, zu Tischkante und Ellenbogen und versehentlichem Stoß. Das waren die Ideen von Physikern, leere Berechnungen, die ihre Rechnung ohne den Wirt gemacht hatten.
Du hebst die Geschehnisse auf, und du wirst dich erinnern. Denn du bist selbst die Geschehnisse, ihre Essenz, ihre Tragik, ihr Geheimnis. Du hebst dich selbst auf, wenn du alles noch einmal durchläufst, in umgekehrter Reihenfolge, aber dadurch überschreibst du den Track deines Schicksals nur neu, legst eine zweite Bild- und Ton-Ebene über die ursprüngliche. Das war der Code – eine Doppelbelichtung. Wie gut, dass die Zeit nur zwei Richtungen kennt!
Danke, Bloggo, wenn Du das auch nicht anders hin bekommst, kann ich den Stift guten Gewissens zur Seite legen und meine Beatles Platten wieder vorwärts hören. Ahhhh! Sind ja eh keine versteckten Botschaften drauf. Zumindest habe ich keine gehört. Wäre aber eine lustige Episode in dieser Rückwärtsgeschichte wert: Jemand in der Rückwärtswelt hört sich LPs verkehrt herum an. Also wieder richtig. Aber was hört er dann? Und wenn man ihn noch Drogen nehmen ließe, die das Zeitempfinden … Ein Fall für Bloggo!