Feindaten
Januar 21st, 2009 § 1 Kommentar
Warum ist es nicht möglich – oder sagen wir: nicht sinnvoll – rückwärts zu schreiben? Also einen Mörder erst einen – vergifteten – Tee trinken zu lassen, ihn daraufhin die Treppe hinunter zu schicken und ihn dann erst am Tatort erscheinen zu sehen, wo seine Bluttat sich in Nichts (resp. eine lebenslustige junge Frau, die ihrer Wege geht) auflöst? Inhaltlich gibt’s ja keine Probleme; der Mörder hat sein Getriebensein satt, schluckt Gift, stirbt und durchlebt dann, vielleicht, auf dem Absatz zu einer besseren Welt, noch einmal seine letzten Stunden in dieser schlechteren, nur eben seitenverkehrt. Wo soll da das Problem liegen?
Aber in der Darstellung wirft das doch gewisse Schwierigkeiten auf. Natürlich könnte man die Vorgänge so schildern, wie jemand es täte, der einfach einen Film, der rückwärts abgespult wird, beschreibt, Szene für Szene, Bild für Bild. Das wäre dann vielleicht so etwas wie der Nouveau Roman in reverse, eine stupend genaue, naturalistische Beschreibung. Rein körperlich kann die Mechanik der Dinge jederzeit auch andersherum ablaufen; der Urin kann aus dem Pinkelbecken zurücksprudeln in meine Harnröhre, das ist vorstellbar (wenn vermutlich auch nicht besonders angenehm, vom hygienischen Aspekt ganz zu schweigen). Aber wir verlassen mit solchen Verfahren der Darstellung eben das Reich der Literatur – denn die Literatur ist ganz wesentlich an die Seele gebunden, an unser Bewusstsein, und das Bewusstsein ist ohnehin etwas, das ständig zwischen den verschiedensten Zeit-Ebenen hin und her springt – ich weiß nicht, wie es Ihnen in dieser Hinsicht geht, aber bei mir ist auch oft der Irrealis im Spiel.
Ich geh’s mal anders an, mit diesem leicht schmierigen Provinzdozenten-Gestus … Konstitutiv für die Arbeitsweise unseres Bewusstseins ist der zweite Hauptsatz der Thermodynamik, welcher, wenn ich das richtig verstehe, verantwortlich dafür ist, dass die Kaffeetasse von uns vom Tisch gestoßen wird – und nicht etwa auf unseren Ellbogen zugeschossen kommt, nachdem sie den Kaffee aus allen Himmelsrichtungen wieder in sich aufgesaugt hat. Oder auch, wenn Sie in die Badewanne steigen. Wieso haben Sie nicht auf der vorderen Seite das heiße Wasser und auf der hinteren das kalte? Warum vermischen beide Bereiche sich zu einer angenehmen Badetemperatur? Während wir darüber fluchen, dass unser Haus, wenn wir es nicht instandsetzen, auseinanderfällt, empfinden wir beim Einstieg in die Wanne die Segnungen der Entropie. Sagen wir es, wie es ist: Die Unordnung in unserer Welt, in diesem Mega-System, diesem mega-irren System, nimmt kontinuierlich zu. Jedes System strebt danach, sich aufzulösen.
Walter Benjamin hat diese Einsicht der Physiker für die Geisteswissenschaften nachgezeichnet in der Figur des Paul Klee’schen Engels der Geschichte, des Angelus Novus, welcher, so Benjamins Deutung, von einem Sturm aus dem Paradies durch die Zeit-Räume des Werdens geschleudert wird, den Rücken der Zukunft, das Gesicht bekümmert dem Ursprung zugewandt, wo er nur einen exponentiell wachsenden Schutt- und Trümmerberg erblickt, Relikte einer Katastrophe, rund um die Uhr, schicksalhaft.
Auch der Medienphilosoph Vilém Flusser sieht die überragende Bedeutung der Entropie und führt sie pessimistisch in die Wahrnehmung unserer Kultur ein: „Ich bin überzeugt, dass die Explosion der europäischen Kreativität Senilität ist und nicht anhalten wird und dass der Westen wenige Jahrzehnte nach unserem Tod in der demographischen Explosion versinken wird. Ich glaube, dass die menschliche Kultur langsam, aber unaufhaltsam in einen entropischen Prozess (Massenkultur) eintreten wird.“
Wie ist das zu verstehen? E und U, der Kältestrom und der Wärmestrom, vermischen sich in der Badewanne unserer globalen Gesellschaft. Angenehm ist die Temperatur für all jene, die zum Bad zugelassen werden. Dann aber streckt sich die Hand eines Phantoms vor, langsam und gemeingefährlich, um den Stöpsel herauszuziehen, wie man eine Nabelschnur durchtrennt …
Ja, ich denke, so kann man das stehen lassen. Alles ist sprachlich angelegt, der Sinn, die Zeit der Bloggo.