„Das war dann schon ein Schock!“
Januar 22nd, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Mehr als 30 Jahre schrieb Robert Mattheis, der als kleiner Aktenableger in einer Behörde im Unterallgäu sein Auskommen fand, in seinen kargen Mußestunden an einem Roman. Es handelte sich um ein ambitioniertes Projekt mit dem Titel GONDELN AUS BLEI, das auf einer Stufe stehen sollte mit Werken wie Prousts RECHERCHE oder Joyces ULYSSES, ganz zu schweigen vom ZAUBERBERG von Thomas Mann, dem großen Vorbild. „Ich hätte als Vergleichsmaßstab natürlich auch schon die JAHRESTAGE (von Uwe Johnson, d. Red.) akzeptabel gefunden“, erinnert sich der Hobbyautor mit einem Augenzwinkern. „So bin ich ja nicht!“ In seinem Werk wollte Mattheis gewisse Erfahrungen verarbeiten, die er einst als Praktikant beim Suhrkamp Verlag in Frankfurt am Main – damals lebte Siegfried Unseld noch – gesammelt hat.
„Den großen Unseld zu erleben, das war, als hätte man Goethe die Hand geschüttelt. Super!“ Mattheis spricht mit herzlicher Begeisterung von diesem Erlebnis. Sofort aber verfinstert sich seine Miene, als er weiterspricht: „Alles andere aber. Grauenhaft. Wie in einem … in einem – Bordell.“ Er spuckt das Wort aus. „In dieser Zeit wuchs in mir ein Riesen-Hass auf den Kulturbetrieb“, erinnert sich Mattheis, eine eingefallene, blasse Gestalt, deren Hände nervös auf der fahlorangenen Schürze umhergehen, dann plötzlich fahrig in die Luft steigen. Seine Füße stecken in viel zu großen, nicht zugebundenen Stiefeln, ähnlich jenen, die van Gogh einst malte. Seine Brille sitzt schief vor seinen Augen, und jedes Mal, wenn er sie gerade rückt, sitzt sie hinterher noch schiefer. Von ihm geht ein unverkennbarer Geruch aus. Hygiene ist die Sache des selbsterklärten Retters der Literatur nicht.
„Ich schrieb buchstäblich Nächte durch.“ Noch heute leuchten Mattheis’ Augen auf, wenn er sich an das Ringen mit dem Stoff erinnert. Es war seine große Zeit, das Leben einer Imaginären Existenz, dem Dasein als berühmter, gefeierter Autor vermeintlich ganz nahe. Und doch war er davon in der Realität ganz, ganz weit entfernt, wie ihm heute klar ist: „Ich meine, überlegen Sie nur mal. Was hatte ich denn? Mein Held war irgendein Typ, der Praktikant bei einem Literaturverlag ist. Ist das überhaupt ein Stoff? Nö. Das ist ein Witz. Noch nicht mal das. Es ist ein Hintertreppenwitz. Ein Treppenhinterwitz. Eine Farce. Es ist.“ Mattheis verstummt, seine Hände, eben noch so lebendig, fallen stumm herab. Jemand hat den Stecker herausgezogen, denkt man. Seine Gesichtszüge spiegeln etwas wider, was sich mit Worten nur sehr schwer beschreiben lässt. Vielleicht sind es die Einblicke viel zu langer, viel zu durchwachter, verzweifelter Nächte, die man hier erkennt. Man denkt: Er hat mit seinem Engel gerungen, mit dem Engel seiner Berufung, und er ist unterlegen. Es hat ihn gebrochen.
Und daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sein Roman jetzt erscheint, bei einem obskuren Kleinverlag in Bielefeld. „Ich meine“, sagt Mattheis, „darum, das ist mir jetzt klar geworden, ging es nie. Es ging um einen Traum, um eine Illusion. Ich schwebte in einer gewaltigen, bunt schillernden Blase. Ich hatte gar keinen Kontakt mit der Realität. Ich habe mein echtes, wirkliches Leben vergeudet, hier draußen, im Grünen, in dieser herrlichen Landschaft, in der Behörde, in Langeweile und Tristesse. Alles perdu. Aber was soll’s. Es gab Stunden, die kann man mir nicht nehmen. Die werden auch Sie mir mit Ihrem gehässigen Artikel nicht nehmen können.“ Und dann sagt er einen Satz, der alles wieder relativiert, das ganze Pathos des nur fürs Ideal Schaffenden: „Aber diese Art von Resonanz. Dass meine GONDELN AUS BLEI keine Sau interessieren. Das ist schon ein Schock.“