Mark und Martin
Januar 22nd, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
„Du warst für mich schon immer auch ein Vorbild. Das musst du wissen. Ich meine, der große Bruder. Das warst du, vom ersten Augenblick an. Auch wenn ich spürte, dass etwas nicht stimmte mit der Art, wie du dein Leben führst.“
Martin Deeh ließ den Rasierer mit ultraflexiblem Scherkopf über seine Wange gleiten. Die Verpackung lag, zusammengeknüllt, auf der Ablage unter dem Spiegel. Die Klingen packten sich die Barthaare, diese verflixten kleinen Kerle, zogen sie ein Stück in die Höhe und schnitten ihnen dann, knapp über den Knöcheln, die Beine ab. Mit einem Seufzen ließen die Bartstümpfe sich zurückgleiten in die schützende Gesichtshaut, um Kräfte zu sammeln für einen neuen Versuch.
„Was? Was redest du denn da?“
Martin Deeh, Major, Pilot eines Luftwaffenjets, zog seine Augenbrauen in einer harten Falte zusammen; seine Wangenmuskulatur zeigte, was in ihr steckte. Er ließ den Rasierer sinken und suchte im Spiegel die Augen seines Bruders Mark. Mark Deeh saß hinter ihm auf dem Rand der Badewanne und rauchte eine Zigarette, eine selbstgedrehte – ungeschickt selbstgedreht, schlampig. Seine Finger zitterten von der Überdosis Koffein. Er fragte sich, ob er seinem Bruder erzählen sollte, dass der Text auf der Rasiererverpackung, Macho4, ultrascharf und supersensibel, von ihm stammte, entschied sich dann aber dagegen. Später, vielleicht, irgendwann. Beim Kaffeetrinken, nach der Beisetzung. Wenn Martin überhaupt so lange blieb, dass er den Satz, den Mark brauchen würde, bis zum Ende anhören konnte. Das Bad mit den hellblauen Kacheln und dem schwarzen Schimmel in den Fugen, das breite Riffelglasfenster und die durchgewetzten Handtücher – für die beiden jungen Männer waren das Erinnerungen, die sie am liebsten losgeworden wären, ein für alle Mal. Aber es steckte in ihnen, das alles, das Haus, von oben bis unten. Es war zu ihrem Schicksal geworden. Die Familie. Man wuchs nicht in sie hinein; sie wuchs aus einem heraus.
Mark betrachtete den breiten, starken Rücken seines Bruders. Da war eine dicke Narbe, die sich von rechts oben nach links unten zog, und Mark fragte sich, ob sie von einer Verletzung herrührte, die Martin sich während eines Kampfes zugezogen hatte. Vielleicht, als er von einem Schleudersitz aus seiner Maschine geworfen wurde? Mark Deeh schloss das Fenster, das einen Spaltbreit offen gestanden hatte. Die Narbe schien jetzt ihn anzublicken. Das, was von dramatischen Momenten bleibt. Man konnte auch im Haushalt schwer verunglücken. Wahrscheinlich handelte es sich bloß um einen Muskelfaserriss, den Martin sich beim Sport zugezogen hatte. Mark warf seine Zigarette in die Badewanne, in den Ausfluss, wo sie im seifigen Härchengeringel mit einem leisen Zischen erstarb. Martin ging seinen Weg, mit einer Zielstrebigkeit, die seinen Bruder immer an eine Flucht erinnert hatte.
Martin lief so schnell auf seinem Weg, so geradeaus, als fürchtete er, er könnte erschossen werden, wenn er für einen Augenblick stehen blieb und sich umsah, oder auch nur verschnaufte. Mag sein, dachte Mark, dass Martin darum auch ins Cockpit eines Militärflugzeugs geklettert war, sobald sie ihn ließen. Weil er heimlich, versteckt und uneingestanden, darauf spekulierte, dass sie ihn abschießen würden, wer auch immer, Russen oder Chinesen oder Islamisten. Aber da oben hätte er wenigstens eine Chance. Da oben im leeren Raum der Bläue konnte er den fairen Zweikampf suchen, die Auseinandersetzung. Mit dem Vater war das nicht möglich gewesen, mit dem großen Altphilologen, dem Rotweintrinker und Choleriker, der jahrelang mühevoll an einem Werk gearbeitet hatte, das zum Zeitpunkt seines Todes weit, weit entfernt war, immer noch, von seiner Vollendung. Auf einen Abschluss war es allerdings auch niemals angelegt gewesen, wie Mark sehr wohl wusste, und Martin wusste das übrigens auch.
„Du würdest am liebsten abhauen, oder?“ fragte Mark Deeh.
„Irene muss zurück, sie.“
„Nein, red dich nicht auf deine Frau raus. Du willst fort von hier.“
„Das tu ich nicht, Mark. Sie überlegen, Irenes Magazin, wie sagt man? Einzustampfen? Dicht zu machen? Einzustellen?“
„Einzustellen, würd ich sagen.“
„Sie kämpft um ihre Zukunft.“
„Aber das hier ist nicht die Zukunft. Das hier ist die Vergangenheit.“
„Nicht ihre.“
„Aber deine.“
Martin Deeh zuckte die Achseln.
„Ist das so? Ich weiß nicht. Mir kommt es nicht so vor, als ginge mich das hier irgendetwas an. Wessen Vergangenheit das hier auch immer sein mag – meine ist es definitiv nicht!“