Tourist im eigenen Hause
Januar 23rd, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Wir leben in einer Gesellschaft, die sich selbst überholt. Z. B. unser subventioniertes Theatersystem. Viele polemisieren dagegen, sagen, das Geld solle man lieber in Volksküchen anlegen etc. Auf der einen Seite ist das verständlich – auf der anderen ist es natürlich katastrophal, wenn man sieht, wie sogar Harald Schmidt schwächelt und einen Oliver Pocher braucht, um die Quote zu stabilisieren. Das sind Innovationen, die von einer gewissen Konfusion herrühren. Wie gesagt: Unsere Gesellschaft, und das heißt: jeder einzelne von uns, überholt sich im Augenblick selbst. Selbstverständlich ist das Zeug, das die Dramaturgen der Groß-Theater so in ihren Programmheften zu, beispielsweise, Ibsen-Stücken zusammenschreiben, kein großer Trost, wenn man am nächsten Tag wieder von früh bis spät vor dem Bildschirm hockt und seine Familie, in der Dramen anzubahnen wären, sowieso nur abends sieht, und dann gleich wieder vor dem nächsten Bildschirm. Wozu also brauche ich Ibsen-Stücke, wenn ich gar keine Familie mehr habe, in der Unheil wachsen oder aus der ich ausbrechen könnte? Brauche ich nicht eher ein Handbuch für mein iPhone?
Der Gestus des Moralisierens, der von den Vertretern der Schriftkultur nach wie vor hochgehalten wird, geht uns heute allen auf den Wecker, und das sehr zu Recht. Wir brauchen weniger eine Kritik der Gesellschaft, als eine Beschreibung unseres Verhaltens. Die aber kann man kaum mehr leisten, wenn man in den Spuren des Bildungsromans herumtorkelt, denn das Bildungsbürgertum, das WILHELM MEISTERS LEHRJAHRE (oder Uwe Tellkamps aufgetürmte Familien-Saga) als Spiegel und Instrument der Selbstreflexion brauchte, hat sich in zwei verheerenden Weltkriegen selbst ausgelöscht. Seitdem tun wir nur noch so, als lebten wir im bürgerlichen Zeitalter, indem wir unsere Kinder Platon im Original lesen lassen.
Wer wir wirklich sind, zeigt uns z. B. sehr viel deutlicher als diese ganzen Theorie-Blasen, die durchs Feuilleton und seine Dependancen glitzern, der Kecak auf Bali. Ein Tanzdrama, das Sie in Ubud erleben können. Wenn wir dieses archaische Ritual auf unser subventioniertes Theater beziehen, wird uns sehr schnell klar, dass wir Touristen im eigenen Lande sind, wenn wir das Thalia Theater in Hamburg betreten – und das gilt selbst dann noch, wenn Sie eingefleischter Hanseate sind!
Beim Kecak sammelt sich eine große Truppe fast nackter, nur mit einem karierten Lendenschurz bekleideter Männer vor einem Tempel. Der Abend ist sehr mild, das sind die Abende auf Bali immer. Fackeln brennen, eine mystische Stimmung herrscht, die nur von den ununterbrochen flackernden Blitzlichtern der herumhüpfenden Touristen gestört wird. Was dann folgt, ist so etwas wie die Parodie – oder sagen wir, eine Skizze – eines Abends bei den Bamberger Symphonikern. Die Musikinstrumente sind die Männer selbst, ihre halbnackten Körper, und sie feuern sich gegenseitig mit Cak-cak-cak-Rufen (gesprochen wie “tscha”) an, wiegen sich dabei hin und her und heben die Hände, treiben sich gegenseitig in Ekstase und geben maskierten, aufwendig geschmückten Tänzern, die Gestalten aus der großen Dichtung Ramayana vorstellen, richtig Zunder. Die Männer verkörpern das mythische Affenheer. Ausgefranste Anekdoten, die für uns vollkommen unübersichtlich sind, die aber jeder Indonesier kennt, werden zum Besten gegeben. Als Tourist zeigt man sich gerührt von so viel authentischem Kulturleben und sagt sich: So ähnlich muss es bei den alten Griechen auch abgelaufen sein, so orgiastisch, so mystisch, so hingebungsvoll vor dem Panorama der wilden Ägäis! Denn von Jammern und Wehklagen, wie Aristoteles es beschreibt, kann bei einem Theaterbesuch anno 2009 ja nun wirklich keine Rede sein – es sei denn, von der Bühne ist etwas aufs neue Kleid gespritzt …