Bin ich frei, den Finger auf meinem Up-and-down-Knopf?
Januar 28th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Die Münchner Kammerspiele veranstalten von Februar bis Mai 2009 gemeinsam mit dem Korsakow Institut für Nonlineare Erzählkultur eine Reihe von Gesprächen. Motto, etwas herausgekreischt: “Hilfe, Freiheit!” Den Auftakt bildet, sehr stimmig, ein Gespräch zur “Bundeswehr” mit einem General, der u. a. Befehlshaber der KFOR-Friedenstruppe im Kosovo und des Bundeswehr-Kontingents im Somalia-Einsatz war.
Das ist alles wunderbar, aber am Freitag, den 3. April, geht’s zur Sache. Unter der fetten Headline “NARRATION” wird die Frage verhandelt: “Sag mir, wie Du erzählst, und ich sage Dir, wie frei Du bist.”
Der Skandal: der blogozentriker ist nicht dabei! Dafür wird Georg Klein, der Schriftsteller, mit von der Partie sein. Für das Marketing der Münchner Kammerspiele ist das sicherlich auch besser, denn Klein hat sich einen großen Namen gemacht u. a. durch seinen Roman “Libidissi”, was ein bisschen nach “Liebesdienst” klingt, Liebesdienst, wenn wir den Bachmann-Preis aus dem Jahre 2000 hochrechnen, an manchem Literaturbetriebs-Granden. Klein unterhält sich mit Prof. Heinz Emigholz, einem “der renommiertesten Experimentalfilmer Deutschlands”, der zuletzt “loos ornamental” gedreht hat und in Berlin, an der UdK, Experimentelle Filmgestaltung lehrt.
Experimentelle Filmgestaltung, sagen Sie sich, das hat Ihnen gerade noch gefehlt! Nachdem Sie von Ihrem Lebensgefährten schon dauernd getriezt werden, den Urlaub experimentell zu gestalten, und der Arbeitsmarkt Ihnen experimentelle Existenz-Gestaltung aufnötigt, klingt die Forderung einer experimentellen Gestaltung des TV-Abendprogramms natürlich nach blankem Hohn.
Kurz und gut: Das, was die Kammerspiele in München da veranstalten, werden Sie sich jetzt denken, ist ja u. U. hochinteressant – Ihnen aber auch scheißegal. Ich möchte aber doch über den Ankündigungstext kurz mit Ihnen reden, und also bitte ich Sie, noch ein paar Minuten sitzen zu bleiben.
Danke.
Da steht also: “Aristotelisch-lineare Erzählung – wie das Hollywoodkino – nimmt den Zuschauer an die Hand und führt ihn durch eine Welt der Konflikte und Katastrophen, der Entwicklungen, der Anfänge und Enden.” Bis hierher denkt man: Das klingt doch ganz prima! Aber nicht für die Korsakow-Pathologen, denn diese schlagen einen kritischen Ton an: “Alles in dieser Welt gehorcht den Weisungen einer übergeordneten und von der Handlung unberührbaren Dramaturgie.” Also der finstere Strippenzieher, Script Doctor oder Dr. Mabuse, im Hintergrund, dem unsere Taten und Leiden egal sind?
Das klingt schon etwas schräg, nach ästhetischer Verschwörungstheorie und zu viel freier Zeit am Abend. Aber hören wir weiter: “Nicht erst seit Ankunft des Computers und des Internets bestehen neben dieser Erzählform Traditionen eines freieren, nonlinearen, pluralistischen, mehr an Netzen und Assoziationen als an fixen Strängen und dramaturgischen Hierarchien interessierten Erzählens.” Stimmt. Das hat schon Ovid praktiziert, sehr erfolgreich, mit seinen METAMORPHOSEN. Das floss alles schön ineinander, in unabsehbar wohlklingendem Vers, und die Korsakows werden sagen: Genau dafür hat Augustus, das lineare Schwein, ihn auch ans Schwarze Meer verbannt!
Kann sogar sein.
Der Schlusssatz: “Wie lange kann es autoritär-aristotelische Erzählformen in einer freiheitlich-pluralistischen Informationsgesellschaft noch geben?”
Aha. Das eigentliche erkenntnisleitende Interesse läuft also hinaus auf die Frage: “Wie unfrei macht der Poetik-Lehrmeister Aristoteles?” Oder: “Aristoteles, Fürst von Hollywood, Feind der Freiheit?”
Ohne nun Aristoteles, diesen lispelnden Aristokraten, verteidigen zu wollen. Ein bisschen arg tückisch finde ich, mit welcher Eindeutigkeit die Internet-Gesellschaft sich als freiheitlich-pluralistisch feiert. Dahinter stehen doch auch wieder nur Partikular-Interessen (s. den Beitrag “beim arsch lecken schön furzen”). Da regiert die Absicht Einzelner, ihren ansonsten nicht zu veröffentlichenden Schrott über die Wege der digitalen Öffentlichkeit unters Volk zu bringen (vgl. auch das Programm des blogozentrikers).
Ich habe den Eindruck, dass aus dieser ganzen rhizomatischen Plattform-Vielfalt ganz schnell der Ein-Kanal-Sender eines staatlich verordneten Über-Fernsehens werden könnte, kontrolliert vom Korsakow Institut. (Schon der Name “Korsakow Institut” verheißt ja nichts Gutes; gibt es etwas Schrecklicheres als Institute? Mal im Ernst?) Wir alle haben heute immerhin noch unseren Deleuze-Guattari im Schrank stehen, nicht nur den ANTI-ÖDIPUS, sondern auch die TAUSEND PLATEAUS. Was aber, wenn der Staat weiter so kräftig auf die Bildungs-Bremse tritt? Dann werden die Leute bald noch verblödeter sein als heute schon.
Und dann: So ein durchgezappter Fernseh-Abend – das ist doch Experimentelles TV-Machen in Heimarbeit. Das hat doch, als Kunst-Performance betrachtet, eindeutig avantgardistische Züge! Was könnte sich ein Korsakowianer mehr wünschen? Nonlinearer und anti-aristotelischer geht’s doch kaum! Der Typ vor der Glotze auf seiner Couch ist, vom Spiel mit der Zufälligkeit her, doch fast schon John Cage! Der nächste Moment, der da durchs Wohnzimmer flackert, ist in keiner Weise vorherzusehen, für niemanden. Besser noch: Es ist absolut kein Wesen in diesem Universum vorstellbar, das ein Interesse daran haben könnte, den nächsten Moment, das nächste Bild, den nächsten O-Ton vorherzusehen! Das tut sich doch keine überlegene, übergeordnete Intelligenz freiwillig an! Da gibt’s definitiv keine Logik des Materials, beim Zappen, keine untergründigen Ströme, die das Ganze des Abends, des Abendlands zusammenhalten. Dr. Aristoteles-Mabuse sind die Hände gebunden, wenn ich den Finger auf meinem Programm-Up-and-down-Knopf habe.
Von Seiten des Korsakow Instituts tut man so, als hätte Aristoteles resp. Hollywood (wobei Aristoteles sicher nicht besonders viel mit Hollywood-Dramaturgien anfangen könnte, welche nicht nur auf Ideen eines gewissen Christopher Vogler basieren – der blogozentriker berichtete ausführlich -, sondern überdies das Höhlengleichnis seines Lehrers Platon auf den Kopf stellen) es mehr mit dem Untergang der Menschheit. Als wäre Aristoteles, um Karl Kraus abzuwandeln, ein Untergangster des Abendlandes, ein Finsterling und narrativer Möglichkeiten-Abwürger. Dabei ist es ja gar nicht so falsch, dass “Konflikte und Katastrophen, Entwicklungen, Anfänge und Enden” in unserer Welt eine gewisse Rolle spielen, ja, sogar unser Leben ganz wesentlich bestimmen! Soll die darstellende Kunst davon absehen? Kann es falsch sein, dem Zuschauer/Leser/Rezipienten derlei zuzumuten?
Ich sehe das eigentliche Problem nicht in einer Dramaturgie, die ja letztlich einfach mit der Bauweise unseres Gehirns übereinstimmt, das nun mal eine Story verlangt. (Seien wir doch mal ehrlich: Alle strengen antiaristotelischen, Brechtischen, den Rezipienten zum Mitdenken einladenden Erzählweisen führen in den ästhetischen Morast und in ein ewiges Gähnen – um so mehr nach dem Ende der marxistischen Möglichkeiten zur Umgestaltung der Welt.) Das Problem sehe ich mehr in den Charakteren. Denn wirklich schlimm ist doch, dass Hollywood (um ein ziemlich plakatives, wenn natürlich auch markantes Synonym für die weltumspannenden Entertainment Industries zu wählen) immer DIESELBE Geschichte erzählt, keine Alternativen zulässt zur Resignation, zur Abhärtung des Helden, zur Strenge gegen sich selbst, zur Selbst-Professionalisierung, zur präventiven Verblödung, zur Inhumanität. Hollywood hat keinen Humor. Hollywood votiert immer gegen Menschlichkeit, tut dabei aber so, als wäre es auf der Suche nach dem Massenmörder, der unser Global Village unsicher macht. Schwachsinn! Wahrhaft furchtbar ist doch, dass die Cops, die den Serienkiller jagen, diesem immer nur eines voraus haben: Sie haben gar keine Sehnsucht mehr außer derjenigen, wie ein Automat, ein Terminator, zu funktionieren. Nicht mal mehr, ihren Nächsten zu quälen, fänden sie interessant.