“Wir sind ein Haufen Sternenstaub”. Ein Besuch bei W. J. T. Mitchell
Januar 29th, 2009 § 1 Kommentar
“Was ist mit Ihnen los, Mann? Sind Sie krank?”
“Uh, äch, nein. Ich hab nur gestern Abend zu viel gesoffen.”
Der große Ikonologe beäugt mich skeptisch. Offenbar bin ich ziemlich blass, eine Mitleid erregende, zittrige Kreatur, die sich nur mit Mühe in aufrechter Position hält. Mit dem Aufnahmegerät komme ich absolut nicht klar, am Ende fallen mir noch die Batterien heraus, und darum fange ich an, mir mit Bleistift Notizen zu machen, von denen ich später kaum ein Wort werde entziffern können.
“Nicht, dass Sie mir hier den Teppich vollkotzen”, sagt der große Ikonologe ängstlich.
“Ich denke ja nicht dran, Meister. Hab ich noch nie gemacht. Außer einmal. Da war ich.”
“Das ist nämlich ein teures Modell aus Persien, auf dem wir hier stehen. Kaschmir. Fassen Sie ruhig mal an. Fühlen Sie das? Wie weich das ist? Nein, so, mit den Fingerspitzen. Nicht mit dem Handrücken. Diese Darstellung hier, die vier Elefanten, sie.”
“Aber”, werfe ich ein, “Kaschmir. Das ist doch Indien, oder?”
“Was?” Der große Ikonologe rappelt sich auf und macht große Augen. “Sind Sie sicher, Junge?”
“Ich dachte schon, ja.”
“Dann, verdammt.” Der große Ikonologe ballt eine Faust. Seine Brillengläser funkeln, seine Augen blitzen. “Dann hat mich dieses dreckige Arschloch doch tatsächlich über den Tisch gezogen. Ich hab mich sowieso schon gewundert. Ein blonder Perser. Hat man so was schon gesehen?”
Ich weiß, dass der große Ikonologe W. J. T. Mitchell ein absoluter William-Blake-Fan ist. Er hat seine Dissertation über ihn geschrieben, und bis heute zitiert er ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Darum schneide ich dieses Thema lieber nicht an. Denn ich habe von William Blake erstens absolut keine Ahnung, und zweitens hasse ich nichts mehr, als von einem Enthusiasten über Bilder, die Texte, und Texte, die Bilder sind, belehrt zu werden.
“Interessieren Sie sich für Fußball?” frage ich.
“Ist das wirklich Ihre erste Frage?”
Der große Ikonologe schaut mich so an, als hielte er mich für ziemlich bescheuert.
“Tja, das ist sie”, gebe ich betont lässig zurück.
“Sie wollen das Gespräch auf die lockere Tour eröffnen, wie ich sehe?”
“Das ist meine Masche”, meine ich. “Mit Pavarotti hab ich das Gespräch damals auch so eröffnet. Aber damals hat Pavarotti noch gelebt.”
Der große Ikonologe … nee, W. J. T. Mitchell wirft mir einen erstaunten Blick zu.
“Sie stecken voller Überraschungen”, sagt er und kratzt sich am Ohr. “Sie entpuppen sich nicht nur als Teppichkenner, sondern auch als Opernfan?”
“Nein”, sage ich, “Opern, da kenne ich mich nicht mit aus. Ich mag Puccini, das ist alles. Aber vielleicht verwechsle ich ihn auch mit Verdi. Darf ich Ihnen mal was vorsingen? Diese eine Melodie, die geht mir nicht aus dem Kopf …”
“Warum wollen Sie mit mir eigentlich über Sterne reden? Ich bin doch Ikonologe.”
“Und sogar ein großer!”
“Eben. Also, warum Sterne?”
Die Frage verdutzt mich. Wer rechnet denn mit so was? Anstatt herumzustammeln, frage ich einfach, ob ich mal die Toilette benutzen darf. W. J. T. Mitchell ist wirklich ein netter Kerl. Plötzlich tue ich ihm leid; er merkt, dass er einen wunden Punkt bei mir berührt hat. Man kann nämlich nicht gerade behaupten, dass ich ein glänzender Journalist wäre. Ich schleiche mich in sein Klo, und zum Glück ist das Fenster nicht vergittert. Am Nachmittag weckt mich die Frau des großen Ikonologen. Ich liege in dem Moment, da sie sich zu mir herunterbeugt, in ihrem Rosenstrauch, ziemlich zerkratzt, aber noch lebendig.
“Sie leben ja noch”, sagt sie, und ihre Augen glänzen wie Sterne.
“Na, sehen Sie”, gebe ich zurück.
Oh, hallo! Ist das die Fortsetzung von etwas? Bin nicht im Bilde.
Mir ist die Neugestaltung des Blogs aufgefallen. Gut geworden!