Dienstbuch (Auszug)
Januar 31st, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Abenddienst. Ich sitze in meinem Dienstzimmer, die Waffe bei Fuß, und trinke ein Bier. Wenn mich ein Vorgesetzter erwischt, so, mit der Waffe bei Fuß und einem Bier in der Hand, ist natürlich etwas los. Ich höre, wie aus dem Theaterraum Postmoderne zu mir herüberdröhnt. Mich stört das nicht. Ich find’s sogar ganz angenehm. Es zeigt mir, unterschwellig, dass ich noch am Leben bin. Manchmal kann ich das selbst kaum glauben, und dann tut so eine akustische Rückmeldung schon mal ganz gut. Doch, mich gibt’s noch; es ist MEIN Gesicht, das sich in der nachtblinden Fensterscheibe neben mir spiegelt.
Meine Hand kritzelt vor sich hin, als gäb’s noch irgendwas zu sagen.
Ich finde diese brummend-ferne Musik ganz okay. Ich muss nur nicht dabeisitzen und so tun müssen, als gefiele mir das. Zu Gast in unserem kleinen Haus ist irgendein Neuköllner Problemtanztheater mit Laien, wenn ich das richtig verstanden habe. Wahrscheinlich vom Staat mit Unsummen gesponsert. Vorhin, auf der Straße, rief eins von den Neuköllner Kids einem hiesigen Grobian, der gepöbelt hatte, nach: “Du Fotze!” Das ist dann schon eine andere Kategorie, eine andere Härtestufe als: “Verpiss dich!” Das ist Großstadt, ganz klar. Da steht der Provinz das Maul offen, dazu fällt der Provinz dann so schnell nichts ein. Ein anderes Troublekid sagte: “Produzier mich nicht.” Das war kein Branchensprech aus dem Musikbusiness, sondern eine Wortverwechslung, wie sich gleich darauf herausstellte: “Wenn du nicht aufhörst, mich zu produzieren, hau ich dir eine rein!”
Ich musste, bevor das Stück losging, eine kurze Ansage machen. Im Anschluss findet nämlich noch ein Publikumsgespräch statt, da können dann die Leute Fragen stellen, an die Künstler. Wütende oder begeisterte Fragen, je nachdem. Ich haspelte so meinen Text runter – das Stück dauert soundso lange, danach gibt’s eine Pause von zehn Minuten, bitte, hauen Sie danach nicht gleich ab, denn es ist noch ein kleines Gespräch vorgesehen. Ich war heilfroh, als ich fertig war mit meiner Minirede, dass keiner dazwischen geschrieen hatte: “Hau ab, du Fotze!”