Suhrkamp geht nach Berlin
Februar 7th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Und dann hatte es endlich doch noch geklappt, und Bob war Bundeskanzler. Wer kam für den Posten eines Beraters in Frage, außer Georg? Zwar hatte Georg keine Ahnung von Politik, aber er verstand eine Menge von Bob.
Hinter einem breiten, wilhelminischen Schreibtisch empfing Bob seinen alten Weggefährten, mit einer Karaffe Kognak wedelnd. Georg bedeutete ihm, dass es für ihn noch zu früh sei. Gleichzeitig betrachtete er das Durcheinander der großen deutschsprachigen Tageszeitungen, die, wild aufgeblättert und zerpflückt, im Zimmer verteilt waren, die Couch bedeckten und das Tischchen mit der Lampe, sogar die Lampe selbst und auch den tiefen Teppich.
„Du weißt, wir leben im Posthistoire“, fing Bob an. „Ich verbinde darum in meinem Regierungsprogramm ohne jede Berührungsangst und kühn die unterschiedlichsten Vorstellungen, die mir nützlich erscheinen, beispielsweise den Morgenthau-Plan und gewisse historisch belastete Germania-Pläne. Diese gilt es einer Revision zu unterziehen. Ähem.“
Georg war ganz Ohr und signalisierte dies, indem er seinen Kopf schräg vorbeugte.
„Die geistig-seelische Elite des Reiches, äh, Landes konzentrieren wir in Berlin“, sagte Bob, sich dabei an einem Globus zu schaffen machend, den er aus einem Museum in Nürnberg hatte entführen lassen. „Diese Stadt bietet den Vorteil, unbegrenzt ausdehnungsfähig zu sein. Hier entsteht ein neues Athen, ein zweites Florenz. Denker, Dichter, Visionäre, Maler, Bildhauer, Werbefritzen. Und mittendrin: ich. Und du.“
„Und im Rest des Landes?“
„Landwirtschaft.“
„Land. Du meinst, Bauern?“
„Der Körper des Landes, der Leib.“ Bob rang die Hände, stiefelte mit mächtigen Schritten auf und ab auf den knisternden Zeitungen. „Er ernährt treu und zuverlässig das Gehirn, die intellektuelle Elite, die für ihn die Schwerstarbeit des Gedankenproduzierens verrichtet.“
„Verstehe.“
„Natürlich wird’s Begabtenförderung geben, Georg. Keine Frage. Schauspieler, z. B. Wir wissen beide, dass die stärksten histrionischen Begabungen nicht aus der Oberschicht stammen.“
Georg nickte würdevoll und ging seinerseits, wie probeweise, ein paar Schritte im Kanzleramt auf und ab. Bob und er, herumstapfend, ein ziemlich plumpes Ballett.
„Werden wir denn einen solchen Bedarf an Schauspielern”, fragte Georg. “Na, haben? Bob?“
„Oh, keine Sorge. Zur Not machen wir Soldaten aus ihnen. Ich meine, wenn wir merken, die Theater sind voll. Natürlich gibt es auch noch das Fernsehen …“
„Das Fernsehen kommt seit 30 Jahren mit einer Handvoll Schauspieler aus.“
„Das ist wahr … Soldaten also. Auslandseinsätze. Das liegt eh im Trend. Deutschland wird heute ja nicht mehr am Main, sondern am Ganges verteidigt. Stichwort: Globalisierung. Wir müssen die damit verbundenen Risiken outsourcen, wie gehabt. Das hat sich bewährt. Man kann so eine Schauspielausbildung ja sehr wohl als interkulturelle Kompetenz betrachten.“
„Du meinst?“
„NATHAN DER WEISE?“
Bob blickte seinen Berater fragend an.
„Lessing“, sagte Georg.
„Genau.“