In meiner Paraderolle als Tonio im Roggen
Februar 8th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Natürlich. Ich kannte den Text. In der Schule hatten wir TONIO KRÖGER bereits gelesen. Mir war das alles sehr seltsam vorgekommen. Ein dünnes Stimmchen haspelte sich durch eine Seite Text, dann versuchten wir zu ergründen, in dieser undarstellbar beklommenen Atmosphäre der die Herzen vergiftenden Idiotie eines Klassenraums, was der blonde Hans mit DON KARLOS zu tun hatte. Vor Schiller hatte man uns bereits einen unsterblichen Abscheu eingeflößt, indem man uns durch sämtliche Dramen hetzte. Und nun war also Thomas Mann dran. Es war Mittagszeit, wir waren müde und hungrig, und Tonio Kröger steht in der Bibliothek seiner Vorfahren mit einem Buch in der Hand und denkt über – was weiß ich nach.
Jedenfalls, der Erstkontakt mit TONIO KRÖGER, er war nicht sehr ergiebig. Kein unvergessliches Erlebnis. Ich kann mich nur noch daran erinnern, wie der Deutschlehrer, eine wirklich bizarre Type, die auf dem Schulhof Selbstgespräche führte und dabei seine Finger schnippte, mich aufrief mit der Frage, wie Tonio Kröger aussehe? Nun, das stand ja auf dem Papier, und darum sagte ich: „Ein bisschen wie ich, vermutlich.“ Ich vermutete nämlich einen Hintersinn in der Frage. Ich war auch dunkelhaarig, ein dunkler Typ. Nicht unbedingt ein Muskelprotz, auch kein Sportas, wenn Sie verstehen. Der Lehrer sagte: „Ja, kann sein.“ Ihm war von einem Hintersinn offensichtlich nichts bekannt.
Dann aber, irgendwann, später, las ich im TONIO KRÖGER, und das Buch entfaltete seine Wirkung, wie auch Salingers FÄNGER IM ROGGEN in einem gewissen Alter unvermeidlich seine Wirkung entfaltet. Das Buch fiel mir einfach so in die Hände, zu Hause, vielleicht wollte ich es wegwerfen, aber ich schlug es auf. Und ich sah im Geschick des zwischen südlicher Lebensfeinheit und nördlicher Hirngelenktheit Pendelnden meine eigene Misere dargestellt, als Junge zwischen allen Stühlen, zu sensibel für die Welt, dabei gutmeinend, nicht manipulativ genug für ein angenehmes Leben, ein einsames Herz und ein talentierter Träumer.
Kauzigerweise – aber vielleicht erinnere ich mich auch falsch – wurde ich von dem Text ergriffen, also wirklich berührt, befreit auch, angerührt, aufgerührt, erhoben, kurz bevor ich zum Fußballtraining ging. An einem Nachmittag, der leer war. Damals hatte ich noch den Traum, auf dem Fußballplatz mithalten zu können.