Generalmajor, Generalverdacht, Generalsekretär
Februar 9th, 2009 § 5 Kommentare
Zum Teil sind wir Blogozentriker doch konsterniert, wenn wir unsere Kommentarleiste durchstöbern. Was da so alles über uns hereinbricht! Von der abgefeimten Invektive (“Blahgozentriker!”) bis zur ebenso irritierenden Lobhudelei (“Weiter so!”), vom noch einmal und dann gleich noch einmal nachhakenden Nachfassen, das etwas von Hegels schlechter Unendlichkeit hat, bis zum letztlich rein selbstreferentiellen, in dunkelster Verwirrung mündenden Ausruf hoch zur Büste des Joseph Beuys – alles da. Natürlich, Leben ist immer Zeitvertreib. Wir alle müssen die Frist überbrücken, die zwischen Wiege und Bahre gelegt ist.
Und auch, wenn wir in einer Gesellschaft fortgeschrittener Selbstoptimierung zu leben scheinen – wie weit es mit diesem Zwang zum Optimismus wirklich her ist, darüber belehrt nichts so klar wie ein Blick in gängige Begleiterscheinungen wie “Fit for fun” oder “Men’s Health”. Das ist alles Stuss. Es gibt dahinter nichts, keine Intention, die über das genitale Penetrieren hinausginge. Hängen Sie im Sommer beim Ficken ein feuchtes Bettlaken vors Fenster, dann ist das Raumklima schön mild. Wenn das kein nihilistisches Manifesto ist, dann weiß ich auch nicht. Der Mensch als Hohlraum, gefüllt mit Scheiße.
Um das abzuschließen. In einer Ausstellung im Palazzo Grassi (“/italics/”) sah ich vor einigen Wochen einen Kunst-Super8-Movie, also einen von einem italienischen Künstler der No-Success-Fraktion gedrehten Film, dessen Sujet seinerseits ein Künstler war, der erotisch stimuliert wurde weniger von drallen Blondinen, die sich ihm darboten, als von einer flachen Pappmaché-Büste Joseph Beuysens. Anders gesagt, irgendwo war es auch ein schonungsloser Kommentar zur Tendenz der Kunst, sich selbst zu begatten – je aussichtsloser, desto inbrünstiger.
Jetzt aber von Leserseite noch mit einem Guttenberg konfrontiert zu werden, der, passend zu seiner Partei, der CSU, ziemlich zu ist – da muss man selbst als “hartgesottener Kulturprofi” schlucken. Einziger Hoffnungsschimmer: Guttenberg, zu Guttenberg, Karl-Theodor, werde ein “Anwalt der Wirtschaft” sein, meint Horst Seehofer. Und wir hoffen natürlich, gutgläubig, wie wir sind, dass ein “Generalstaatsanwalt” gemeint ist.
Und er hat – nun ja ähhh – eine gewisse, ich betone gewisse Ähnlichkeit mit, also nicht dass es ihn wirklich geben würde, so als Person, meine ich, mit – und dann ists raus – dem Bloggo!
@Vau: Quatsch. Die Blogozentriker sehen alle aus wie Harry Potter! Offensichtlich kennst Du Dich in der Blogo-Szene ziemlich schlecht aus.
Dein Generalproblem ist vielleicht dieses (es ist auf alle Fälle meins): Dass Du Dich durch die Wahl Sylvesters ‘konfrontiert’ fühlst. Sie, die Politik, sähe uns stattdessen so gern mit derselben Ironie, die dann doch irgendwo in ihrem Kern Ernst sein soll, auf das Geschehen blicken und erkennen, dass auch sie, die Politik, ihrem ureigensten Prinzip folgt: Nicht ‘Politik für das Volk’ – sondern ‘la politique pour la politique’.
Lieber Willyam,
ich glaube, im Ernst habe ich vor allem das Problem, inzwischen jedes Wort über die Politik für schieren Irrsinn zu halten, für eine Manie von Gutgläubigen, vielleicht auch für den lupenrein idealistischen Ausfluss von Verzweifelten. Das, was diese Leute an der MACHT treiben, spottet jeder Beschreibung, und wir quälen uns herum mit einer Beschreibung dieser Verspottung, die es uns erlaubt, unser Gesicht halbwegs zu wahren. Wir denken, wenn wir einen Kniff finden, die Verarscher als die eigentlich Verarschten darzustellen und uns hinzustellen als die zwar Verarschten, auf einer tieferen Ebene aber dank ihres Durchblicks und ihrer Gewitztheit Triumphierenden … Blödsinn. Es gibt da keinen Trost. Das ist alles Ideologie, selbstbetäubende Ideologie. Einen Idioten wie zu Guttenberg dulden zu müssen in einer Demokratie, scheint doch das zugrunde liegende Prinzip unserer Staatsform irgendwie ad absurdum zu führen, ins vollends Perverse zu verdrehen! Im Grunde, vielleicht ist es auch diese Empfindung, was mich selbst verdreht, mich mir selbst zusätzlich entfremdet, im Grunde wäre es höchste Zeit für einen Aufstand des Volkes, für eine Deutsche Revolution, noch besser: für eine Europäische Revolution. Und? Glaubst Du daran? Obwohl die Köpfe und Bibliotheken gefüllt sind mit Alternativen, mit Theorien und Ideen, Ansichten und Erkenntnissen, was bringt’s uns? Welchen Rat geben uns die klugen Professoren, die für Hunderttausende von Euro sich mit der Geschichte eingehend befasst haben? Wenn sie ihren Mund öffnen, um Weisheit und Rat heraus zu lassen, was kommt? BAAAAAHHHHH … langgezogen und blöde, und das ist alles. Postkolonialismus, Gender, Cross Mapping, Mediendingskunde – alles hochgestochener Schwachsinn. Nichts, was einen Blogozentriker reizen könnte, dafür sein Herz in die Hand zu nehmen. Da bleibt man doch lieber im Sessel und wartet noch ein bisschen.
Grazie,
Dein Blogozentriker
Also nagen wir doch am selben Problem, wenn auch mit dem (auf lange Sicht wahrscheinlich unbedeutenden) Unterschied, dass ich mich noch nicht ganz auf das Warten einstellen kann. Das machen vermutlich das Alter und die verfehlte Erzeihung meiner Eltern; die wundern sich immer, warum ich mich nicht einfach in den ganzen Apparat “einpasse”. Letzteres natürlich in Anführungszeichen, weil man sich heutzutage so leicht selbst suggerieren kann, mit ein bisschen Theorie und unverständlichem Jargon “dagegen” zu sein. Insofern hast Du erneut Recht: Postkolonialismus, Gender, Cross Mapping, Mediendingskunde – alles hochgestochener Schwachsinn – mit einer bescheidenen Einschränkung: Es ist Schwachsinn, weil diejenigen Leutchen, die sich damit befassen, von einem “Narzißmus der kleinen Differenzen” eingenommen sind und nichts auf die Wirkung ihres Denken geben. Einer der größten “Fehler” der kleingesitigen Akademie ist ihre mangelnde Kurzsicht, ihr Glaube, dass ihre Kritik (die keine radikale, also an den Wurzeln orientierte ist) irgendwie schon im marginal-diffus-multiarbiträrhybriden Diskurs ankommt. Ich spreche (für Akademiker eher: ich veröffentliche), also kritisiere ich. Völlige Irrglaube.
Aber zurücklehnen? Noch ein bisschen warten? Um Deine Optimismusallergie nochmal zu provozieren: Ich erinnere mich an ein Wortspiel, demzufolge “Zukunft” nicht nur das ist, was auf Dich “zukommt”, sondern auch das, was Dir “zu kommt”, sprich: Deine Verantwortung ist … Aus irgendeinem Grund ist mein Hirn noch nicht so verkorkst, dass es solche Kleinigkeiten verdrängt … Wenn Du also soweit bist, eine Selbsthilfegruppe ins Leben zu rufen (oder eher dagegen?) – ich bin dabei.