Schreibrausch im Materiallager

Februar 9th, 2009 § 1 Kommentar

Marshall McLuhan hat damit angefangen, Friedrich Kittler und Klaus Theweleit haben die Untersuchungen fortgesetzt. Welche Auswirkungen hatten Typewriter, Grammophon und weiblicher Körper (Sekretärin) auf den Beruf des Dichters? Sicherlich ist es etwas anderes, ein Gedicht zu tippen, als es zu singen. Adorno, dieser Dichter unter den Denkern, z. B. liebte es, seine Bücher erst einmal zu diktieren, um dieses Diktat dann zu überarbeiten. Erst also spazierte er durch sein Büro, wie Demosthenes an den Klippen der Ägäis entlang schlenderte, und sang vor sich hin. Eine aufmerksame Muse hielt fest, was ihm dabei in den Sinn und aus dem Mund strömte. Zu dieser inspirierten Materialsammlung konnte der Philosoph sich im Anschluss dann ganz im Sinne der Benn’schen Devise: “Ein Gedicht entsteht nicht, ein Gedicht wird gemacht” verhalten. Er sondierte das Material. Mit dem Rotstift wird er hineingewütet haben in den Zeilenverhau, umgruppierend, neu gewichtend, Schneisen schlagend und neue Wege legend. Summiert wird das Nachdenken über diese Produktionsbedingungen unter Medientheorie, und damit erweist sich, dass Medientheorie nur ein schickerer Ausdruck ist für Poetik.

Heute Nacht träumte ich, dass ich attackiert würde von Geschossen, die Billardbällen ähnelten, in die Rasierklingen eingelassen waren. Also eine durchaus unangenehme Mischung. Es hagelte ein ganzer Schwarm von diesen Projektilen auf mich ein, die Scheiben der Wohnung, in der ich mich befand, durchschlagend, mich auch ritzend. Gleichwohl gelang es mir, wie durch ein Wunder, genau in der Mitte zwischen den beiden Hauptströmen der Attacke hindurch zu schlüpfen. Ich blieb also weitestgehend unverletzt. Ein paar Stunden später, in der Morgenzeitung schon, las ich einen Bericht über dieses Ereignis. Verfasst hatte es kein Geringerer als Rainald Goetz. Ich staunte über dieses Tempo.

Am Tag zuvor hatte ich, als Real-Ich, noch darüber räsonniert, was für ein avanciertes Medium vor zehn Jahren www.rainaldgoetz.de gewesen war. Ich erzähle das nicht, weil ich meine Träume für aufschlussreich hielte; eher möchte ich illustrieren, dass auch der Beruf des Dichters mehr und mehr in Echtzeit stattfindet. Parallel dazu spielt auch der Aspekt der Performanz sich wieder stärker in den Vordergrund. Die Popularität von Hörbüchern, Dichterlesungen und Poetry Slams legt davon Zeugnis ab. Modernste Technik führt so zurück zu den Ursprüngen, zu den alten Griechen, die sich um den blinden Sänger scharten, eine Flasche Beck’s in der Hand.

Was aber bedeutet es z. B., dass man heute jederzeit korrigierend eingreifen kann in das, was man tippt? Man kann sich lockerer in den Schreibfluss stürzen. Man braucht anschließend ja nicht mühselig mit Schere, Klebstoff und Tippex an den Text heranzugehen. Man kann einfach ausschneiden, was man braucht, also speichern, und dann an neuer Stelle neu abspeichern, also einsetzen, hineinschneiden. Das eigentliche Produktionsverfahren wird dadurch revolutionär beschleunigt. Mehr und mehr ähnelt so die Arbeit des Texters, des Texteverfertigers, derjenigen des Experten im Schneideraum, welcher Filmsequenzen auf ihre Wirkung hin überprüft. Zugleich wandern die Wörter aus dem Schädelinneren auf den Bildschirm ab. Das Wort wird noch stärker veräußerlicht. Sein materialer Anteil, den die Schrift ihm beifügte, wird unterstrichen, indem jeder zu seinem eigenen Gutenberg werden kann. Der Entwicklungstrend ist: Schrift wird vom inneren Erleben zum äußeren Ereignis.

Noch immer also ist die Sprache keine Kamera; aber sie gleicht sich dieser doch immer mehr an.

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