Man smst mir, also bin ich

Februar 10th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

“Jungs, da habt ihr euch ganz schön weit aus dem Fenster gehängt.”

Wer je das Vergnügen hatte, Bert “Big” Bruder in einem Zustand zu erleben, den man, auf die höchst anschaulichen Ausdrucksformen der Alltagssprache zurückgreifend, als “sauer” charakterisieren könnte, vermag sich vorzustellen, wie Bob und ich uns fühlten. Die Headline KAPITALISMUS ALS RELIGION war bei den Kunden von n+2 nicht auf große Gegenliebe gestoßen. Im Gegenteil. Sie war manchen übel aufgestoßen, oder sagen wir, einige unserer Kunden fühlten sich vor den Kopf gestoßen durch unsere unverblümte Wortwahl. “Big” hatte seinen bis obenhin mit Zigarrenstummeln gefüllten Aschenbecher bis an den äußersten Rand des Schreibtisches geschoben; die Hälfte, gefühlte drei Viertel der Grundfläche des Apparats schwebten bereits in der Luft, und nur zwei dicke Finger verhinderten das Unglück. Er fasste uns streng ins Auge. Wenn Bruder los ließe, das war klar, hatte die Reinigungskraft einiges zu tun.

“Ihr wisst, was ich euch damit sagen will, Jungs?”
“Es ist sehr anschaulich”, sagte Bob und schluckte.
“Das einzige, was euren freien, tiefen Fall im Augenblick verhindert, bin ich”, sagte Bruder und zog langsam den Aschenbecher zurück. “Wenn ich nicht mehr die Hand schützend über euch halte, Freunde, dann bleibt von euch nur ein Haufen Asche zurück.”
“Big”, sagte ich, “es tut uns leid. Wir wussten doch nicht, dass irgend jemand Bobs Auftritt in der Kantine aufzeichnen würde und ins firmeneigene.”
“Bobs Auftritt?” Bruder lachte. “Ihr denkt, ihr seid hier wegen Bobs Auftritt?”
“Ach? Darum geht’s gar nicht?”
“Natürlich nicht. Redet doch keine Scheiße!”
“Aber … worum geht’s denn dann?”
“Es geht doch schon um den Kapitalismus als Religion”, fragte ich vorsichtig, “oder nicht?”
“Quatsch mit Soße. Das juckt doch keine Sau. Der Kapitalismus hat das Spiel eh gewonnen, wer soll sich da aufregen, außer ein paar Typen, die lieber als Indianer im Regenwald zur Welt gekommen wären?” Bruder beugte sich vor, zwischen zwei Daumen und zwei Zeigefingern eine dicke Zigarre rollend. “Aber dass ihr daher kommt und ein von uns unterstütztes Fernsehprogramm ankündigt. Das ist ein starkes Stück.”

“Warum macht das denn unsere Kunden nervös?” erkundigte Bob sich treuherzig.
“Warum? Weil man das Fernsehen nicht unter Kontrolle hat. Meint ihr, dass unsere Kunden wollen, dass ihre Kunden die Wahrheit und nichts als die Wahrheit erfahren?”
“Aber Verkaufssender”, wandte ich ein, “die funktionieren doch prima! Da kann von Aufklärung doch wirklich keine Rede sein. Neulich hab ich gesehen, wie sie auf so einem Shopping-Kanal Wein in scheußlichen schwarzen Flaschen in Katzen-Form verkauft haben. Selbst diese Horrordinger gingen weg wie warme Semmeln.”
“Die Leute LIEBEN Fernsehen”, sagte Bob.
“So etwas muss man sorgfältig planen, Leute”, sagte Bruder. “Nichts auf dieser Welt ist so heikel wie Kommunikation. Ich rede von Firmenkommunikation, versteht sich.” Er wischte nachdenklich mit seiner flachen rechten Hand über die Platte seines Schreibtisches. Es handelte sich um eine Grabplatte aus Schottland, die er hatte glatt polieren lassen. Ein Mann namens “John Doe” hatte einst unter dem rauhen Granit seine letzte Ruhestätte gefunden. Wo John sich jetzt herumtreiben mochte?
“Ich meine”, sagte “Big” Bruder. “Unsere Kunden sind doch auch nicht blöd. Die haben doch auch mitgekriegt, wie ihr zwei Vögel tickt. Und wenn die hören, dass ihr hier ein Fernsehen aufziehen wollt, dann kann ich verstehen, dass ihnen bei dieser Vorstellung der Arsch auf Grundeis geht.”

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