Blindtext

Februar 12th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

„Ich weiß ja auch nicht“, sagte Bob. „Spielvogel hat heute nicht locker gelassen. Der fing immer wieder damit an, dass ich depressiv sei. ‚Eine depressive Komponente’, hat er gesagt, ‚die drängt sich ja auf, man kann ja kaum übersehen, dass da bei Ihnen ein depressives Element vorliegt, das macht einen ja selbst richtig fertig. Sie haben da definitiv so etwas wie eine Depression.’ Immer wieder hat er diese Platte aufgelegt, bis ich dachte, ICH hab einen Sprung. Durch die Mangel hat er mich gedreht. Der Depressions-Blues. Und dann rückte er mir auch dauernd mit dem Saufen auf die Pelle. ‚Sie haben doch da mal was von Alkoholkonsum erwähnt’, murmelt er mir ins Ohr, wie er, auf dem Weg zum Waschbecken, bei mir vorbeikommt. Er machte das ganz diskret, ganz heimlich, als wäre noch jemand im Zimmer gewesen, der uns hätte beobachten können. Verschwörerisch. Aber wir waren ja ganz allein. ‚Wie viele Flaschen trinken Sie denn so?’ fragte er. ‚Aha’, sagt er und spült seine Tasse aus. ‚Am Tag? Oder in der Woche?’ Ich frag mich echt, was das soll. Geht das den Betriebspsychologen was an, wie viel ich saufe? Sind wir hier in der Gehirnwäschekammer, oder was? Wo sind wir hier überhaupt?“
„Bei n+2, der kreativsten Kreativ-Agentur Mitteleuropas. Und Spielvogel will dir halt helfen, damit du auch in Zukunft knackige Headlines schreiben kannst. Der meint es nur gut.“
„Na, klar. Mit Big Bruder.“
Georg zuckte die Achseln.
„Der Typ hat doch noch nicht mal einen Doktortitel, Georg. Was will der denn von mir, bitte?“ echauffierte sich Bob. „Aber das Beste hab ich dir noch gar nicht erzählt. Am Ende kam er mir noch mit irgendwelchen Flüchen, die auf meiner Familie lägen. Ich hab echt gedacht, der spinnt, der Idiot. Der holt da ein Buch aus seinem Regal, SAGEN DES KLASSISCHEN ALTERTUMS, so einen Schinken, Gustav Schwab, und liest und kichert vor sich hin. Der liest und kichert und liest. Und kichert. ‚Wie die Atriden’, hat er dann gesagt, ‚ganz klar. Ihr ganzes Geschlecht ist verflucht, Bob!’ Was soll denn so was? Ich müsste mich endlich meinen Schatten stellen, hat er gesagt, nicht immer nur weglaufen. ‚Das bringt doch auch nichts’, sagt er zu mir. Als wüsste ich das nicht!“
Georg war jetzt ganz Ohr. Endlich.
„Wieso soll dein Geschlecht denn verflucht sein?“ fragte er. „Was meinte er denn damit?“
„Na ja, dass mein Großvater sich erhängt hat, und dass er vorher meinen Vater umbringen wollte. Darauf hat er angespielt. Auf diese Episode.“
„Mein Gott. Dein Großvater hat. Und dein Vater?“
„Der hat ihm eins übergebraten. Er war ja viel stärker. Er hat sich gewehrt, hat meinen Großvater umgehauen, und dann hat er gesehen, dass er Land gewinnt.“
„Er ist abgehauen?“
„Ja, er ist aus der Wohnung raus, und danach dann hat mein Opa sich aufgehängt, am Balkon.“
„Ganz schön schaurig.“
„Schaurig, ja. Meinetwegen.“ Bob fing, aus unbekannten Gründen, an, sich mit beiden Händen auf den Oberkörper zu klopfen. „Mann“, sagte er. „Ich brauch jetzt ein Bier.“
„Ein Bier? Aber es ist noch nicht mal Mittag, Bob!“
„Ach, komm, Georg. Jetzt fängst du auch schon so an.“

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