Wenn Sie denken, dass Ihre Leidenschaft …

Februar 12th, 2009 § 4 Kommentare

… Sie irgendwohin bringen wird – vergessen Sie’s. Es ist schwer zu sagen, was uns überhaupt irgendwohin bringen kann, aber Leidenschaft gehört ganz sicher nicht auf die Kandidatenliste. Ich habe jeden Tag mit Menschen zu tun, die mir ihre traumatischsten Erlebnisse erzählen und ihre intimsten Gefühle ausbreiten. Diese Leute wissen, was Leidenschaft ist. Aber es hat sie nirgendwohin gebracht.
Da war zum Beispiel dieser Kerl aus Wedding, ein Klotz von einem Mann, dessen Kiefer sich beim Sprechen bewegten, als kaute er auf einer Handvoll Kieselsteine herum. Er war Dachdeckermeister, und er hatte mir den Auftrag erteilt, sein Leben für ihn aufzuschreiben. Er wollte eine richtige Biographie, gebunden und mit Personenverzeichnis und mit allem Drum und Dran, als wäre er Alexander der Große. Dabei war er gerade mal 47 Jahre alt, und der absolute Höhepunkt in seinem Leben war seine Scheidung im vorigen Jahr gewesen. Im Grunde ging es ihm nur darum, es seiner Ex-Frau zu zeigen. Ihr mal richtig die Meinung zu geigen. Ob er die Biographie seiner Ex-Frau dann im Hochglanzumschlag zuschicken wollte oder ob er hoffte, dass sie von den Zeitungen zum Bestseller der Saison hochgejubelt würde – ich weiß es nicht. Aber seine Leidenschaftlichkeit war nicht zu übersehen. Nicht, wenn er vor Ihnen saß und Ihnen sein zweites Frühstück ins Gesicht atmete.

„Ich habe Ihnen gesagt“, sagte er, sich mühsam beherrschend, „Sie sollen meine Ex-Frau als das darstellen, was sie ist. Eine dumme Schlampe. Von einer ägyptischen Märchenprinzessin war nicht die Rede!“
Er hatte ein Geschäft in Wedding, mit acht Angestellten, und darum war er wohl daran gewöhnt, die Leute herumzuscheuchen. Sein Kaufhausanzug platzte aus allen Nähten, und sein Kopf schien anzuschwellen vor Blutandrang. Der Hut konnte sich mit Mühe da oben halten. Seine dicken Fäuste lagen geballt auf seinen Knien. Trotz aller Grobheit hatte er aber etwas Rosiges, etwas Babyhaftes. Ich mochte ihn. Während des Schreibens seiner Biographie hatte ich mich richtiggehend in ihn verliebt. In seinen blauen kleinen Augen schwamm ein Rest von Unschuld. Wie eine Wolke, die an die Existenz von Regen nicht glauben wollte. Auch seine Füße – sie waren so putzig klein, wie diejenigen einer Ballerina. Ich konnte mich einfach nicht satt sehen daran.

„Hören Sie“, sagte ich. „Meines Erachtens geht es nicht so sehr darum, Ihre Frau zu beschimpfen. Ich weiß, dass Sie nicht gut auf sie zu sprechen sind. Das ist auch sehr verständlich. Aber trotzdem. Mir scheint, wir sollten eher versuchen, ihr vor Augen zu führen, welchen Verlust sie durch diese Scheidung erlitten hat. Welcher Mensch da aus ihrem Leben verschwunden ist. Wir sollten Ihre Vorzüge herausstellen, anstatt …“
Er schüttelte den Kopf. Energisch. Seine Fäuste hielt es kaum mehr auf den Knien.
„Sie sollen es ihr zeigen, sie fertig machen, hab ich gesagt.“
„Herr Ehmke, es handelt sich um die Geschichte Ihres Lebens, immerhin. Ihr Leben. Insgesamt können Sie doch sehr zufrieden sein. Und da habe ich mir gedacht, das Entscheidende wäre, dass wir die Dinge nicht zu negativ …“
Sein Hut flog ihm vom Kopf, als er los schrie. Er stopfte mir beinahe seinen dicken Zeigefinger ins Nasenloch. Seine blauen Augen waren mit einem Mal so groß und so nah und so blau, dass ich mir vorkam, als läge ich auf einer Wiese und starrte in den Himmel. Allerdings gab es da oben ein ganz schönes Gewitter.
„Geben Sie’s der miesen Sau“, brüllte er. Seine Worte waren wie Backsteine, die man aneinander schlägt. „Hauen Sie auf sie drauf. Immer feste druff! Hauen Sie zu, Mann! Lassen Sie sie spüren …“ Er brach ab. Die Backsteine fielen auseinander. Er hob seinen Hut vom Boden auf und erhob sich und zog sein Jackett um seinen riesigen Oberkörper zusammen. Ich sah, wie seine dicken Finger zitterten. Sein Kopf war jetzt dunkelrot, aber er versuchte sichtlich, sich zu beherrschen.
„Schreiben Sie’s noch einmal“, sagte er. Er sah mich nicht an dabei. „Ich bin in einer Woche wieder hier.“

Ich schaute ihm nach, wie er den Raum verließ. Es war, als schöbe man einen Kleinwagen durch die Tür. Zum Glück passte er hindurch. Dann war ich wieder allein mit dem leeren weißen Blatt Papier in meinem Kopf.

Sigrun, unsere Teilzeitassistentin, steckte ihren Kopf durch eine andere Tür herein. Sie hatte ein Telefon am Ohr. Ihre Augen waren größer als gewöhnlich.
„Was war denn los?“
Ich winkte ab. „Unser Freund ist der Ansicht, seine Ex-Frau käme zu gut weg in seiner Lebensbeschreibung.“
„Und nun?“
„Und nun“, sagte ich und warf das Manuskript in den Papierkorb. „Und nun alles noch mal von vorn.“

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