Ich, Drehbuchautor und Plot
Februar 13th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
Dieser Typ war wirklich unglaublich. Heino Körtner. Von den Cowboystiefeln bis zum Hut stimmte an ihm alles, da wirklich rein gar nichts stimmte. Vielleicht hätte er sich unten noch Sporen anschrauben sollen. Er war gewissermaßen ein einziger lang anhaltender Misston, ein ästhetischer Fehlgriff. Ein Haudegen des Entertainment, eine Überzeichnung aus Fleisch und Blut. Wir hatten uns gerade einen Film angesehen, der auf einem seiner Drehbücher beruhte. Wir hatten nicht gewusst, ob wir lachen sollten oder weinen. Jetzt saßen wir da, und von draußen sickerte Herbstlicht in den Hörsaal. Es ging in dem Meisterwerk ohne Meister um den Bau einer Eisenbahnstrecke in Norwegen, hochpathetischer Nonsens, mit viel Liebe für abgedroschene Sätze und unplausible Haltungen gemacht.
Gezeichnet wurde vor unseren staunenden Augen eine Welt für unvorstellbar harte Kerle, aber mittendrin, hineingerammt wie ein Pflock, sahen wir eine Frau, die nicht sehr viel weiblicher war als einer der Granitklötze, die andauernd in die Luft gesprengt wurden, um für die Schienen Platz zu schaffen. Die harten Männer mit ihren Fäusten aus Eisen wirkten weibisch neben der Dame. Gutes Spiel war ihre Sache auch nicht unbedingt. Sie sprachen ihre Sätze jeweils in der ganzen Länge aus, um das Beste darüber zu sagen. Die Dame war groß und blond, wie alle Norwegerinnen, die deutsche Drehbuchautoren sich ausdenken.
Auch die Story hätte man lieber wie einen der Filmfelsen aus Pappmaché behandeln sollen. Mit Dynamit. Heino Körtner hatte sich offenkundig unrettbar in ein Kind seines Geistes verliebt, das dieser Liebe nicht würdig war. Ein Wechselbalg aus expressionistischem Irrsinn und wehleidigem Manierismus, triefäugig, blöde und ruhelos quäkend. Schon nach einer Viertelstunde hatte man komplett die Nerven verloren und hoffte nur noch auf ein baldiges Ende. Es wimmelte nur so von überhitzten sexuellen Avancen, deren Darstellung im Betrachter Sehnsucht nach Marionettentheater erzeugte, von verlorenen Ehemännern, die manchmal gar im Doppelpack auftauchten, und toten Vätern. Die Dialoge waren mit Axt und Motorsäge gearbeitet.
Den Kunsttäter beeindruckten unsere boshaften, aber ehrlich verzweifelten Kommentare nicht, als er sich im Anschluss an die Vorführung unseren Fragen stellte. Was wir einwandten, perlte an ihm ab wie Wasser an einer Ente. Wir waren in seinen Augen offensichtlich einfach bescheuert. Die ganze Zeit über behielt er seine Sonnenbrille auf der Nase. Draußen schob sich Herbstnebel über den Campus und drängte gegen die großen Hörsaalscheiben an.
„Drehbücher zu schreiben hat unendlich viel mit der Kunst des Pokerns zu tun“, sagte Körtner. Seine Stimme hatte er sorgsam auf Bariton getrimmt. „Du musst Psychodramen inszenieren. Zwischen dir und deinen Figuren. Lass dir nicht in die Karten schauen, aber berechne jeden Zug der anderen voraus. Darum geht’s. Du musst der Chef im Ring sein.“
Er trank Whiskey aus einer Kaffeetasse. Das ist keine Vermutung, sondern das teilte er uns freimütig mit. Er schenkte sich sogar zwei Mal nach. Den Hinweis, dass er Alkoholiker sei, hielt er für überflüssig. Kaffee aus einem Whiskeyglas zu trinken, wäre natürlich spektakulärer gewesen, gerade bei so einem Burschen. Was er redete, ergab keinerlei Sinn. Das mochte am Whiskey liegen, doch ich vermute, dass der Alkohol eher für die wenigen klaren Momente verantwortlich zeichnete, die ihm unterliefen. Etwa als er ausrief, natürlich sei er nur ein Stümper, aber man müsse eben sein Herz schmeißen, wenn einem das Hirn fehle! Kurz darauf relativierte er diese Aussage leider wieder. Unser Dozent lächelte tapfer zu all diesem gesammelten Schwachsinn und sagte nur: „Ja, da war noch eine Frage?“
Körtner glaubte nicht an Patentrezepte, sondern nur an fliegende Herzen: „In diesen Handbüchern für Drehbuch-Schwuchteln werdet ihr lesen, dass es um die Reise eines Helden ginge. Das sei die Essenz des Plots. Wenn ihr mich fragt. Das ist absolutes Homo-Gelaber. Damit könnt ihr euch den Arsch abwischen. Auf solche Thesen wichst man sich im Seminar einen ab, schön. Wenn du aber selbst am Drehbuch sitzt. Dann nützt dir so eine Scheiße rein gar nichts.“
In diesem Augenblick stand unser kleiner Jakob auf, dicklich, gutmütig und ein wenig dämlich. Er kam aus Südtirol. Die Hände an der Hosennaht wie ein Wachsoldat, stellte er in seinem kauzigen Dialekt die Frage: „Worum geht es denn dann beim Drehbuchschreiben, Herr Körtner?“
„Das versuche ich ja gerade zu erklären.“ Körtner war ungehalten. „Setz dich gefälligst wieder hin. Hör mal lieber zu, oder was. Ich versuche hier.“
Dirk, der als Vorbild für sein künstlerisches Schaffen Steven Spielberg anzugeben pflegte, mischte sich ein: „Entschuldigung, wenn ich da kurz unterbreche, aber auch Joseph Campbell stellt in seiner beachtlichen Studie DER HEROS IN TAUSEND GESTALTEN fest, dass.“
„Der redet viel, wenn der Tag lang ist, der Mister Campbell.“
Dirk zeigte sich unbeeindruckt: „Basierend auf Campbells Erkenntnissen, hat George Lucas immerhin die Story von STAR WARS entwickelt. Das ist bekannt.“
„Eine ganze Menge Dinge sind bekannt.“
„Äh, ja? Und?“
„Nichts und. Klappe halten. Hier rede ich. Worauf es bei einer guten Story ankommt, das ist der Konflikt. HAMLET. Mal als Beispiel. Der will seinen Vater rächen. In Wahrheit aber hat er eine Scheißwut auf seinen alten Herrn, weil der ihn im Stich gelassen hat. Das ist das eigentliche Thema von HAMLET.“
Unser Dozent räusperte sich. „Sie meinen das Shakespeare-Stück, ja?“
„Natürlich.“
„Aber da geht’s doch eigentlich eher um einen Hass auf den Onkel …“
„Wenn man blind ist, geht’s vielleicht um einen Hass auf den Onkel“, brüllte Körtner. „Für mich, als Sehenden, geht’s um eine Vater-Sohn-Geschichte. Und zwar eine der zartesten, ergreifendsten, von denen ich je gehört habe.“