Sich zwingen zu einer Bejahung der Maschinenherrschaft?

Februar 13th, 2009 § 1 Kommentar

Ich habe sehr viel Geld. Tatsächlich, sehr viel, lächerlich viel Geld. Ich schwimme in Geld, könnte man sagen. Und das nur, weil ich zum richtigen Zeitpunkt bereit war, mich in die Computerbranche zu stürzen. Sie wissen ja, dass man eine Zeitlang mit Computern sehr gut verdienen konnte. Ich war Verkäufer, und zwar ein verdammt guter. Verstehen Sie mich nicht falsch. Mir fiel das nicht schwer. Ich musste mir keinen abbrechen. Da es mir nicht das Geringste bedeutete, was ich tat, fiel es mir ausgesprochen leicht. Das ist das Gesetz meiner Existenz. Als Verkäufer war ich clever und elegant. Ich hätte sogar Ihnen etwas aufgeschwatzt, wetten?

Wenn ich an die Jahre denke, die ich vergeudet habe, empfinde ich kein Bedauern. Im Gegenteil. Eigentlich bin ich froh, dass sie vorbei sind. Ich empfinde jede Sekunde als leichten Druck auf meine Person, als unbequeme Last, physisch auf meiner Hautoberfläche. Wie man vielleicht die Schwerkraft spürt. Die Zeit dringt in meine Lungen ein, wenn ich atme. Da ist etwas, das mich lähmt, und das ist das Wissen, dass die Zeit unbeeinflussbar ist. Sie vertickt, durch mich hindurch, und doch auch an mir vorbei. Ich bekomme sie nicht in den Griff, und das treibt mich manchmal schier in den Wahnsinn. In meinen üblen Momenten, nachts, wenn ich wachliege und die Decke anstarre, zähle ich meine Herzschläge, und dunkles Viehzeug kriecht aus meinen Herzkammern und schleicht durch meine Venen. Ich hätte so gern die totale Kontrolle. Und ich bin doch nur der totale Arsch.

Obwohl ich mich auf eine sehr vertrackte Art immer für etwas Besseres hielt, war ich gleichzeitig doch durchdrungen von dem festen Wissen, es nicht zu sein. Das ist bei mir genetisch. Ich war immer schon der letzte Dreck. Ich bin als der letzte Dreck auf die Welt gekommen, und wenn die Dinge weiter so laufen, wie sie sich im Augenblick entwickeln, werde ich diese Welt als der allerletzte Dreck verlassen. Ich tue nichts, rühre keinen Finger, schaue nur zu. Ich habe keine Ideale, will ich damit sagen, und ich vermisse sie auch nicht. Offengestanden, halte ich Leute, die sich an Ideale klammern, für Idioten. Oder sollte ich sagen: für Weichlinge? Für charakterlose Schmatzwesen?

Ich war also im Reinen mit mir. Und dann hab ich dieses Mädchen getroffen. Anja. Sie kam über mich wie eine Gestalt aus einem russischen Roman, eine Erfindung von Tolstoj. Vermutlich war das die Rache des Seins an einem Abtrünnigen. Das Sein schickte mir die Liebe, als Fluch. Das Sein duldet nicht, dass wir standhaft sind in unserer Verweigerung. Anja ist ein himmlisches Wesen. Jeder ihrer Schritte raubte mir den Atem, und wie ich da stand, in der Ecke eines Multiplexes, wie immer leer beobachtend, hatte ich einen Ständer. Schmerzhaft fest. Ich hatte monatelang keine Erektion gehabt, jedes Gefühl in mir war tot gewesen. Und dann das. Der Saft prallte durch mich hindurch, so fühlte es sich an, ekstatisch und rabaukisch. Ein Schlag von innen; von innen wurde ich zusammengeschlagen.

Ihre Haut, so rein und weich, ein ganz subtiler Stoff, zog mich magnetisch an. Meine Augen liebkosten ihr Fleisch, krochen geil darüber hin, und ich wurde fast wahnsinnig. Sie präsentierte sich mir nackt, nur mir allein, mitten in dieser Menschenmenge. Es war wie eine Epiphanie der Aphrodite. Ich konnte jede Falte ihres sündigen Fleisches nicht nur sehen, ich konnte sie RIECHEN und SCHMECKEN. Ihr Fleisch lächelte mir aufmunternd zu. Es kroch über die Distanz auf mich zu, aus jeder ihrer Bewegungen herausschmelzend, kroch in mich hinein. Wie ging das zu? Als hätte man mich mit allen Sinnen auf sie drauf gepresst, in mich die Matrix der Schönheit, die ihr Wesen war, hineingestanzt. Aus der Entfernung konnte ich erkennen, dass sie ein ganz besonderes Geschöpf war. Sie war unendlich viel mehr als ich, auf dem Parnassos hergestellt. Habe ich erwähnt, dass ich einen Buckel habe? Und ziemlich winzig bin? Dass ich eine lachhafte kleine Schrumpelfigur bin? Von der Schaltzentrale zwischen meinen Schläfen aus habe ich die Welt im Griff. Aber ich mache wahrlich keine gute Figur in ihr. Ich bin zum Lachen. Trotz meiner sündhaft teuren Klamotten aus Mailand, London und Paris sehe ich aus wie eine Witzfigur, wie eine Karikatur. Wie die Karikatur von Rumpelstilzchen.

Als ihre beiden Freundinnen sie stehen ließen, kurz in Richtung Toiletten entschwindend, näherte ich mich ihr. Ich hatte am Kartenschalter eine Bionade gekauft. Damit pirschte ich mich an sie heran. Der rote Plastikstrohhalm leuchtete aus dem Flaschenhals hervor. Ich wollte, nein, ich MUSSTE sie auf einen Drink einladen, mit ihr ins Gespräch kommen. Jetzt oder nie. Wenn sie Nein sagte, mich abwimmelte, dachte ich, dann wäre ich eben geliefert. Das würde ich nicht überleben, definitiv nicht. Es würde mich zerschmettern. Aber was soll’s, sagte ich mir. Das Leben bedeutete mir ja ohnehin nichts. Mit solch einer Frau an meiner Seite jedoch könnte meine Existenz noch einmal aufgewertet werden. Sie könnte ihr einen Sinn verleihen. So kalkulierte ich. Als hätte ich je eine Wahl gehabt.

Anja. So nannte ich die schöne Unbekannte bei mir. Anja Karenina. Ein kleines Wortspiel, eine kecke Abwandlung der Weltliteratur. Ich liebe Literatur, ich lebe darin. Ohne Literatur wäre ich nichts. Nicht einmal der fade Witz, der ich jetzt, in der Realität, bin, wäre ich ohne die Literatur, ohne die künstlichen Paradiese rauschhaften Hochmuts. Manchmal trägt Pegasus mich weit hinauf, über all das hier hinweg.

Doch diesmal ließ Pegasus mich fallen. Schmerzhaft und tief. Ich ahnte es ja, ich wurde zerschmettert. Die Flügel meines Pegasus gerieten aus dem Rhythmus, Anja riss, meiner ansichtig werdend, den Mund auf, ihre Augen platzten wie Granaten, ein Lachen, wild und toll und erbarmungslos, begrub mich. Große rote, heiße Lippen. Sie zeigte auf mich, mit ihrem lieblichen Finger, und ich griff danach und küsste ihn, stopfte ihn in meinen Mund hinein. Ich luschte gierig, saugte dieses unfassbare Stück Menschenmaterial in mich hinein. Schon packte man mich von hinten, ein Kerl in einer dicken, dunklen Jacke, mit muskulösem Oberkörper, der sich unter einem engen T-Shirt abzeichnete. “Geld gegen Geist!” schrie ich, besann mich aber gleich, verbesserte in ein noch grelleres: “Geld gegen Gewalt!”, setzte neu an, wollte mich auf den Geist berufen. Doch schon war ich niedergerungen, ein Knie lag auf meinem Hals. Eine Faust traf mich seitlich im Gesicht, ich schmeckte Blut. Schwarz wurde es mir vor Augen. Ich hörte mich lachen. Füße trafen mich in unabsehbarer Folge, ein Tritt nach dem anderen, einer härter als der andere. Gejohle schloss sich über mir wie die Fluten eines panischen Meeres. Mir war’s egal. Ich war zerschmettert, und nun zerschmetterte man noch die Scherben. Sollten sie doch.

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