Ich hätte ein solches Gespräch als entlastend …

Februar 16th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

… empfunden, aber sobald ich davon anfing, mich dem heiklen Punkt näherte, riss er Witze, wich aus und tänzelte, wie nur er es konnte, verbal über meine Bemerkungen hinweg. Irgendwann gab ich es schließlich auf. Mir lag es auf der Seele, dieses Thema, dieses Unausgesprochene, das eine Hürde zwischen uns errichtet hatte. Er hatte sich niederträchtig verhalten, das Wort ist nicht zu stark. Er war mir in den Rücken gefallen, in aller Öffentlichkeit und ohne alle Not, das war das Schlimmste. Wenn ich etwas zu seiner Rechtfertigung hätte anführen können, irgendeine innere Logik. Aber da war bei ihm nur die schiere Freude an der Gemeinheit. So empfand ich es, so musste ich es empfinden. Natürlich, der gewiefte Analytiker des menschlichen Herzens wird auch hier eine Vernunft finden, die der Kopf nicht kennt. Er hatte seine Gründe, unbestreitbar, aber ich kann nur sagen, dass ich mich davor fürchte, diese Gründe kennen zu lernen. Vielleicht weigere ich mich, Mitleid mit ihm empfinden zu müssen, nach der Infamie, die er sich mir gegenüber hat zu Schulden kommen lassen. Was ich an ihm im entscheidenden Augenblick spürte, war eine Kälte, die wenig Menschliches hatte und mich eher an einen Automaten gemahnte, an eine Maschine. Er konnte freundlich sein, bezaubernd, charmant, niemand würde das bestreiten; aber er konnte einem mit einem freundlichen, bezaubernden und charmanten Lächeln auch den Hals umdrehen. Und dann würde er einen verscharren und dabei ganz leichthin eine Plauderei fortsetzen, die bestimmt nicht ohne Geist wäre, bis zu dem Moment, da er sich die Hände abklopfte und um ein Glas Wasser bäte. Diese Erfahrung hatte ich gemacht. Es blieb zwischen uns, ungeklärt, unausgesprochen, bis zu seinem Tod. Ich konnte seine Texte, die ich zuvor so geliebt hatte, nicht mehr lesen. Schon sein Name war zu viel für mich, ich wendete den Blick ab. Es trieb etwas in mir hoch. Wenn ich zu stark an ihn dachte, ertappte ich mich dabei, wie ich ihm plötzlich alles Schlechte der Welt wünschte, einen tiefen Sturz, das Ende seiner publizistischen Laufbahn, eine schäbige Enthüllung, den Tod. Er war immer noch der Alte, unverändert, ein Treibhaus brillanter, bunter Metaphern, aber ich nahm einen üblen Geruch daran wahr. Die Blumen des Bösen. Vielleicht war es etwas in der Art. Begegnet bin ich ihm nur noch einmal, in Heidelberg, bei einer Premiere. In seinen Tagebüchern erwähnt er dieses Aufeinandertreffen, er spricht bei dieser Gelegenheit von “tiefer, peinigender Verlegenheit”; anzumerken war ihm davon nicht das Geringste. Mag sein, auch das war nur eine Wort-Maske, eine Selbstvermarktungs-Phrase, die apologetische Selbstdarstellung des totalen Könners.

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