Ich, Servus
Februar 16th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
„Bob?”
„Hey, Georg! Wie sieht’s aus?”
„Bob, wir müssen dich mal sprechen.“
Bert „Big“ Bruder nahm, stattlich und feist, mit bekümmertem Gesicht auf dem Besucherstuhl Platz. Der Besucherstuhl, ansonsten an Nettie Moore’s zierliche Person gewöhnt, knarrte darob grimmig. Georg verzog sich, nachdem er fast unhörbar die Tür geschlossen hatte, hinter seinen Schreibtisch und entfaltete die Tageszeitung. Bob sah erstaunt vom einen zum anderen.
„Was ist los, Jungs?“
„Bob.“ Bert „Big“ Bruder presste seine dicken Daumen aneinander. „Ich weiß nicht recht. Wo soll ich anfangen.“
„Wie du immer sagst, Big. Fang vorne an. Hahaha.“
Niemand lachte, nicht einmal Bob.
„Was ist denn nur, Jungs? Warum so ernst? Mir könnt ihr’s doch sagen. Ich bin’s doch nur. Euer Bob.“
Jetzt ließ Bob sein Lachen hören, doch es klang brüchig, spröde. Lange herrschte danach Schweigen. Dann wiederholte er: „Okay. Was ist?“
„Bob, um es kurz zu machen. Deine Zeit hier bei n+2 ist vorbei.“
„So?“
„Ja.“
„Und warum?“
„Weil die Zeit des Ich angebrochen ist“, lässt Georg sich vernehmen. Er blickt nicht auf, tut vertieft in seine Zeitung.
„Schau mich wenigstens an, Georg, wenn du mir mein Todesurteil verkündest“, brüllt Bob den Kollegen an, wild wie ein verletztes Tier, das unbarmherzige Jäger in die Enge getrieben haben, um ihm einen eisernen Stachel ins Herz zu rammen.
„Tut mir leid“, erwidert Georg mit einem verlegenen Achselzucken. „Das kann ich nicht.“
„Und warum?“
„Ich lese hier einen echt interessanten Artikel. Es geht um ein rumänisches Waisenkind, das, nach einem Fußmarsch von mehreren tausend Meilen, bei der Berlinale einen deutschen Regisseur.“
„Scheiße, Big. Was soll das?“
Bob nimmt noch einen letzten Anlauf. Gleichzeitig zieht er allerdings auch seine oberste Schreibtischschublade auf und nimmt das TAGEBUCH von Gombrowicz heraus. Seine Habseligkeiten. Er ist immerhin durch und durch Profi.
„Es ist einfach so, wie es ist“, sagt Bert Bruder, der von jenen, die es nicht besser wissen, „Big“ genannt wird. „Wir leben im Zeitalter des Ich. Intern nennen wir es: THE AGE OF THE EGO.“
„Verstehe.“ Bob nickt düster. „Das hat sich abgezeichnet.“
„Es ist nicht gegen dich gerichtet. Nimm’s nicht persönlich.“
„Das AGE OF EGO nicht persönlich nehmen? Ha! Ein guter Witz!“
„Findest du? Vielleicht sollte ich ihn mir merken und bei der nächsten Mitarbeiterversammlung.“
„Die wird ohne mich stattfinden, insofern enthalte ich mich eines Kommentars.“ Bob steht auf, das Buch unter den Arm geklemmt. „Lass uns nicht im Streit auseinandergehen, Big. Was soll’s denn auch schon? Ich werde mein vorheriges Leben wieder aufnehmen. Mein Literatendasein. All diese Eindrücke, diese Texte, dieses Sortieren, Herausgreifen, Vorworte Schreiben, in Büchern Blättern, von einem Interview zum nächsten und von dort zum Kaffeetrinken Eilen.“
„Du hast es doch eh vermisst, gib’s zu“, ruft Georg, dem sein Kompagnon plötzlich unsagbar leid tut. Wird Bob zurechtkommen da draußen, in dieser pointenfreien Welt? Er stellt sie sich ja doch oft zu lustig vor.
„Na klar“, nickt Bob. „Immer im Taxi, im ewigen Transit. Das ist die mir gemäße Existenzform. Na. Wie auch immer. Leute, ich sag dann mal zum Abschied leise.“
Und damit kracht er hinter sich die Tür ins Schloss, dass die ganze Geschichte wie ein Kartenhaus auseinander fällt, und ein Servus flattert unbemerkt davon.