Der alte Herr, Herr Kurtz, hat also …

Februar 17th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

… Platz genommen, und ich bin dabei, die für das Verfassen des Kapitels „Auch die Größten fangen ganz klein an“ notwendigen Informationen zu erfragen, da klopft es an die Tür.
„Die näheren Umstände erfuhr ich allerdings erst bei einer späteren Gelegenheit, in Bad Godesberg“, sagt Herr Kurtz, „denn zu dem Zeitpunkt, von dem wir gerade sprechen, hielt ich mich im Führerbunker auf, und meine Aufmerksamkeit wurde von gewissen anderen Ereignissen voll und ganz in Anspruch genommen.“
Ich schaue von meiner Moleskine-Kladde auf. Dieser Blick von Herrn Kurtz. Dieses Knistern in seinen Augen. Ein kalter, rachsüchtiger Glanz.
„Wie?“ sage ich. „Sie waren im Führerbunker?“
„Aber ja doch.“
„Bei Hitler?“
„Beim Führer, ja. Als Ordonnanz.“
Ich spüre, wie die Tinte in meinem Federhalter kalt wird.
„Sie haben ihm die berühmten Torten aufgetischt?“ frage ich.
„Auch das, ja.“
„Haben Sie denn auch mal mit ihm gesprochen? Persönlich? Ich meine, mit Ihrem Führer?“
„Das kam vor, natürlich.“
„Und worüber haben Sie dann so geredet?“
„Ach, wissen Sie – über dies und das. Alltäglichkeit ist doch auch immer irgendwo Alltäglichkeit. Sie dürfen die Realität des gelebten Augenblicks nicht mit Geschichtsschreibung verwechseln. Es ist hinterher ja auch vieles verzerrt dargestellt worden. Nach der Niederlage. Hätten wir gewonnen – ich rede von unserer Seite, vom Deutschen Reich -, man hätte nicht so negativ über die mit der Person des Führers verbundenen Initiativen geurteilt. Das können Sie mir glauben.“
„Hm.“

Zum Glück, in diesem Moment, wie angekündigt: Klopf, Klopf. So in der Art. Sie kennen das Geräusch ja. Ein Klopfen an der Tür.

„Ja? Bitte?“
Es ist mein Kompagnon, der seinen lustigen Wuschelkopf zur Tür hereinsteckt. Jetzt kann ich ihn Ihnen endlich auch persönlich vorstellen. Also, Messieur et mesdames – Georges Fragson. Wir haben schon bei der legendären Agentur n+2 zusammengearbeitet … aber bestimmt erzähle ich Ihnen das später noch einmal ausführlich. n+2, der Laden von Bert „Big“ Bruder. Unglaubliche Zeiten.
„Entschuldigung“, sagt Georges vorsichtig.
„Ja?“
„Da ist jemand, den solltest du dir mal ansehen, Bob.“
„Ich bin gerade im Gespräch.“
„Den solltest du dir ansehen.“

Na schön, denke ich, und ich sage es auch und hieve mich aus meinem reichlich unbequemen Stuhl. Nicht, dass ich mich abhärten will oder so was; ich bin lediglich zu faul, mich um ein geeigneteres Sitzmöbel zu kümmern. Vielleicht schlummert in mir insgeheim auch ein profunder Hass auf Stühle; früher, das ist noch gar nicht lange her, musste ich Werbetexte für sie verfassen. Auch das eine durchaus traumatische Erfahrung. Die Seele der Bürostühle. Neues Sitzen, neues Denken. Sie wissen schon. Und denken Sie besser nicht zu viel darüber nach, ganz gleich, wo Sie sitzen.

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