Was (auf) uns zukommt
Februar 17th, 2009 § 1 Kommentar
“Aber zurücklehnen?” Georg beugte sich vor, was ihm, dem mit einem jungen, biegsam-gesunden Rücken Ausgestatteten, natürlich leichter fiel als dem alten Bob. Für Georg war’s nur ein spielerischer Vorgang; für Bob hatte er inzwischen existentielle Dimensionen angenommen, und darum blieb der Seniortexter stocksteif auf seinem face2buns sitzen, ängstlich an die ergonomisch unbedenkliche Lehne gedrückt, was einen fatalen, senilen Eindruck machte. “Noch ein bisschen warten?” bohrte Georg weiter. “Um deine Optimismusallergie noch einmal zu provozieren: Ich erinnere mich an ein Wortspiel, demzufolge Zukunft nicht nur das ist, was AUF DICH zukommt, sondern auch das, was DIR zukommt, sprich: was deine Verantwortung ist … Aus irgendeinem Grunde ist mein Hirn noch nicht so verkorkst, dass es solche Kleinigkeiten verdrängt. Wenn du also soweit bist, Bob, eine Selbsthilfegruppe ins Leben zu rufen – ich bin dabei.”
Bob schwieg erst einmal eine Weile. Man hätte das als rhetorischen Trick deuten können, als Kunstpause, die dem Gegner Gelegenheit gab, sich auf einen fürchterlichen Rückschlag einzustellen. In Wahrheit aber brauchte er ganz einfach immer länger, um sich zu sortieren, um sich eine Antwort zurechtzulegen. Vor einigen Jahren noch hatte er solche Spitzfindigkeiten und grobhämmerischen Vorschläge aus dem Ärmel schütteln können. Damit war es jetzt vorbei.
Endlich also sagte er: “Die Wahrheit ist, dass ich jetzt erst mal die Veröffentlichung meines Romans abwarte. Mein Ideal wäre freilich, mit diesem Buch unterm Arm durch die Lande zu ziehen, von Vortragssaal zu Vortragssaal, von Kneipe zu Kneipe, und, ganz in der Tradition des Blinden Barden, oder meinetwegen auch Skip James’, oder Robert Johnsons, wie du willst. Jedenfalls, dann zu lesen, aus diesem Buch, vor versammeltem, wechselndem Publikum. Eine Gegenstimme zu Ben Becker, ein Gegengewicht zu all diesen wandelnden Hörbüchern, die unsere Republik heimsuchen. Die Literatur, die einzige Hoffnung, die einzige Waffe, den letzten Trost, den Leuten auf den Schoß zu legen, dafür einzutreten, die Stimme erhoben und schmetternd: HIER STEHE ICH, ICH KANN NICHT ANDERS.”
“Aber”, wandte Georg schüchtern ein, “alles schön und gut, Bob, aber. Wirst du nicht sitzen bei deinen Lesungen?”
“Schon, ja”, gab Bob zu. “Das ist der Schwachpunkt meines Plans.”
Well, if you call me George, I can call you Bob, I s’pose? Ich hatte mich schon gefragt, was macht er bloß Tag ein Tag aus, dass ihm die Zeit bleibt, sich so ausführlich auszuleben? Aber allmählich, Bob, durchschaue ich Deinen Plan. Um den einen Schwachpunkt sorg’ Dich nicht. Im Groben ist Dir der geniale Wurf doch schon längst gelungen, und das weißt Du auch: Übersatt vom Fiktionalen, übersetzt Du Dich ins pralle Leben, in pralles Leben. Alles Steno hier, Kurzmitschriften, transskribiert aus Deinem Leben. Du schreibst Dich lebendig. Ich wünschte, ich könnt’ das auch.