Will, Bob, Georg

Februar 18th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar

Will kannte sich aus mit Schlägen ins Gesicht. Nicht, dass wir uns missverstehen! Seine Fäuste waren, mehr oder weniger, noch jungfräulich. Nein, er war derjenige, der Nehmerqualitäten entwickelt hatte im Laufe der Jahre, notgedrungen, da er als Lektor sein Geld verdiente. Wissenschaftler, und hier vor allem die zweitklassigen, sind bekanntlich oft sehr heikel, wenn man mit ihnen über die stilistische Qualität ihrer Texte zu sprechen versucht. Von der inhaltlichen Seite will ich lieber gar nicht erst anfangen! Jedenfalls, Will verstand einen Schwinger gut aufzunehmen, und darum tastete er, das ohrenbetäubende Gedröhn hinter seinen Augen ignorierend, mit seiner Zungenspitze jetzt erst einmal vor zu den Backenzähnen, um sich zu vergewissern, dass sich noch alles am rechten Ort befand. Halb so wild, lautete der vorläufige Befund. Aber der Abend war ja auch noch jung!

“Mein Junge”, sagte Bob, der einen eleganten H&M-Mantel trug, hellgrau, “du solltest uns nicht zur Weißglut treiben.” Mit einer Geduld, die eines Engels würdig gewesen wäre, machte er sich daran, seine schäbigen braunen Handschuhe von seinen Fingern zu pellen. “Georg”, sagte er und tätschelte dabei einem Zwerg an seiner Seite, der gerade damit beschäftigt war, seinen Schlagring zu reinigen, den Kopf, “Georg kann sonst ganz schön ungehalten werden. Und ich weiß nicht, ob ich ihn diesmal zu stoppen vermag. Der Junge ist nämlich manchmal nicht zu bremsen. Hähähä.”

Das Lachen, das Bob hören ließ, war dämlich, sogar oberdämlich, megadämlich. Das Lachen eines Idioten. Eigentlich hätte es Bob selbst peinlich sein müssen. Aber das behielt Will lieber mal für sich. Vermutlich war hier Breath im Spiel, die Killer-Droge. Mit Breath-Süchtigen spaßte man nicht. Breath-Süchtige, hatte Will einmal seiner Liebsten erklärt, waren noch schlimmer als Möchtegern-Koryphäen. Sie verstanden zwar Spaß, aber Spaß von einer Sorte, die eher Kampfhunden angemessen ist. Und ich meine damit Kampfhunde mit zugespitzen, geschleiften Zähnen!

“Worum geht’s eigentlich, Bob?” Will rappelte sich mühsam auf seine Beine hoch, und Bob packte den Kampfzwerg am Revers, sonst hätte sich Georg sofort wieder auf seine Beute gestürzt. Über die Wirkung von Breath kann man in einem einschlägigen Lexikon übrigens lesen, dass Kokain im Vergleich dazu nicht viel stärker als Schwarzer Tee sei. Bob nickt, als hätte Will ihm eine unglaublich tiefschürfende Frage gestellt, und sagt:
“Es geht um diesen Roman.”
“Ich lektoriere keine Belletristik, Bob”, sagte Will. Er sagte das jetzt bestimmt zum 200.000. Mal, und unter anderen Umständen wäre dies natürlich ein guter Anlass gewesen, ein Fläschchen Sekt zu entkorken.

Bob fuhr mit seinem Arm über Wills Schreibtisch. Wertvolle Autographen (Robert Musil, Don DeLillo, Franz Müntefering, um nur einige wenige zu nennen) vermischten sich in flatterndem Flug mit unbeholfenen pornographischen Kritzeleien, Unterlagen für das Finanzamt, Drohbriefen, Unterlassungsklagen, Urlaubsansichtskarten, gänzlich absurden Aufsätzen aus Science-Magazinen, halb aufgeschnittenen Büchern etc. Will knirschte mit den Zähnen.
“Es hat mich Jahre meines Lebens gekostet, diese Unordnung anzurichten”, brachte er hervor, “und jetzt werfen Sie in wenigen Sekunden alles über den Haufen.”
“Tja, so ist das Leben”, sagte Bob, und sein Zynismus schien dabei bis hinab zu den Pforten der Hölle zu reichen.

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