Ich zitiere gern, weil das Wesen der Literatur das Zitat ist, nach meinem Verständnis, meinetwegen auch das vermiedene Zitat, die Suche nach einem Wort, nach einer Prägung, einer Formulierung, auf die andere Zitierende so leicht nicht kommen würden. Das ist das Schwierige: Ein guter Text muss absolut zitierfähig sein, zugleich aber so, dass man sagt: „Nee, wenn ich das zitiere, dann weiß jeder sofort, woher das stammt.“ Das Abwegige zum Mainstream machen – das ist die intrikate Strategie der Literatur. Denken Sie beispielsweise mal an Heinrich Heine. Heine erkennen Sie nach fünf Silben. Nach fünf Silben wissen Sie: „Das ist von Heinrich Heine, oder der Teufel soll mich holen!“ Sicher haben Sie selbst schon mal erlebt, wie jemand das ausgerufen hat, wenn Sie ein Heine-Gedicht anzitierten, etwa: „Sie saßen und tranken am Tee-“. – „Das ist von Heine“, rief da einer dazwischen, „oder der Teufel soll mich holen!“ Der Teufel kam nicht, und das war ein Heine-Beweis, und das fällige Reimwort „ästhetisch“ konnten Sie auch vergessen, ebenso wie den „-tisch“, an dem der „Tee-“ ausgeschenkt wurde.
Normalerweise zitiere ich also alles, was nicht bei „Drei“ auf den Bäumen ist, wollte ich sagen. Aber diesmal zitiere ich mich selbst.
„Das 103 ist Münchens östlichstes Café, sozusagen“, lese ich bei mir selbst. Diese Formulierung halte ich für sehr gelungen; um sie richtig genießen zu können, müssen Sie natürlich wissen, dass die F.A.S. damals aus der zusammengekauften SZ-Redaktion auf F.A.Z.-Kosten gegründet wurde. Aber als Internet-affine User-Existenz haben Sie solche abseitigen Informationen natürlich gesammelt. Und wenn Sie sie nicht haben, dann haben Sie sich schon oft privatim Gedanken gemacht, warum diese zwei Städte partout nicht aufeinander zu reimen sind, Berlin und München. Neben der offensichtlichen Unvereinbarkeit – obszöner Schick hier, verfallende Fassaden dort – gibt es, klar, untergründige Korrespondenzen, die sogar das Wort der „Wahlverwandtschaft“ nahelegen. Wem München zu schick ist, der verfällt in Berlin. Anders: Beide Städte bestehen aus Schein, und zu nicht geringen Prozentanteilen auch aus Schleim.
„‘Claudius’ und ‘Nils’“, schreibe ich weiter, „das sind, mit fast 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit, Herr Seidl und Herr Minkmar, Mitarbeiter der FAS, der SZ-Wochenendausgabe der FAZ. Volker Weidermann ist nämlich der Literatur-Baron der FAS, auch so ein amtlich beglaubigter Feuerkopf. Wenn Weidermann anfängt zu reden, vor laufender Kamera, hat man immer Angst, das Buch in seinen Händen könne Feuer fangen, so ernst nimmt er sein Brennen für die Literatur.“
Bis dahin finde ich das sehr okay, auch wenn, natürlich, mancher an dem ganzen beknackten name dropping Anstoß nimmt. Nun, sorry, das ist halt so. Trotzdem, bis dahin würde ich den Text immer noch durchwinken. Dann aber kommt ein Absatz, der einfach bescheuert ist:
„Ich nehme mal an, das Taxi, in dem der Betriebsausflug der FAS vom Wannsee nach Mitte verlegt wurde, hat die Redaktion bezahlt.“
Das würde ich heute wegstreichen.