Nachdem auch der letzte noch lebende Ex-“Bild“-Chefredakteur gesprochen hatte, war Bob endlich dran. Nicht, dass sie ihn zu diesem Kongress über „Chancen und Perspektiven der medialen Kommunikation“ nach Düsseldorf eingeladen hätten! Aber irgendwann führte halt kein Weg mehr an Bob vorbei. Wie er da saß, im Raucher-Club, und Zigarren bei Hajo Schumacher schnorrte. Wie er in den verbalen Infight ging mit Giovanni di Lorenzo, der ihm am Ende auf die Schulter haute und sagte: „Sie gefallen mir, junger Mann!“ Auch dass es ihm gelang, einen Platz direkt neben Helmut Schmidt, dem Ex-Kanzler, zu ergattern, spielte eine gewisse Rolle. Plötzlich war er gesetzt, als Redner. Und so kam es, dass er aufs Podium stieß, seinen Vorredner mit der Schuhspitze noch ermunternd, einen Zahn zuzulegen beim Abstieg.
Zudem stimmte es ja, es war ja unübersehbar: Die Zukunft gehörte nicht „Spiegel Online“, die Zukunft gehörte nicht der „Zeit“, und ganz gewiss gehörte die Zukunft nicht einem Blatt wie der „Netzeitung“. Nachrichten für Streber werden nämlich demnächst keine Nachrichten mehr sein. Der Erkenntnisdurst resp. -hunger der Menschen wird sich andere Wege bahnen, fernab der fett gesponserten Plattformen. („‘Plattform’ kommt von ‘platt’“, wiederholte Bob fast manisch während der sechs Minuten, die ihm blieben bis zur Abfahrt des letzten ICE nach Nürnberg.) Bob bezog sich in seiner Rede – man könnte vermutlich auch von einem „Vortrag“ sprechen, wenn er diesen nicht absolut frei gehalten, ja, improvisiert hätte – explizit auf zwei der „Giganten der deutschen Literatur“, nämlich Goethe und Goetz. Er holte weit aus, begann bei den Goten und beim Kote, holte bei einem herrlich sinnfreien Abstecher die „Göttinger Gelehrten Anzeigen“ mit ins Boot, war flugs bei Georg Christoph Lichtenberg und tastete sich, mit filigranen Assoziationen, die ich unmöglich nachzeichnen kann mit einem so groben Mittel wie der Schrift, an den „Öl-Götzen der jungen Literatur“ heran.
„Wie symptomatisch“, hat er gesagt, meine ich, „wie symptomatisch für diese Literatur, die deutsche, dass sie sich von Goethe, dem Götterliebling, hin bewegt hat zu Goetz, dem Radikal-Ikonoklasten mit ikonophiler Ader. Die kritischen Abzieh-Götzenbilder der VANITY FAIR – herrlich! Goethe zeichnete, aber wie! Wie eine Sau. Auch Goetz hegt höchste Bewunderung für die Bildende Kunst, aber seine eigenen Gemälde, abgedruckt als Zwischentitel seiner Bücher – ich weiß ja nicht. Ich enthalte mich eines Urteils, aber bitte, beachten Sie, mit welch hängender Unterlippe ich das tue.“ (Gelächter.) „Das ist die Basis des germanischen Logozentrismus. Die Unfähigkeit, des Sinnlichen anders habhaft zu werden als in der stechschrittmäßigen Allegorie.“
„Bob, wir müssten dann langsam“, flüsterte ich hoch, zum Rednerpult, mit der Armbanduhr drohend.
„Meine Damen, meine Herren.“ Bob verbeugte sich, grinste, sagte: „Ich bedanke mich. Das war geil.“