Es ist ungerecht, den Leuten, die versuchen, am kulturellen Leben teilzunehmen, einen Vorwurf daraus zu machen, dass sie sich mehr und mehr in eine Kultur der Seichtigkeit verstricken. Es herrscht gegenwärtig in aestheticis eine gewaltige Konfusion, das ist wahr, und niemand vermag mehr verlässlich anzugeben, was etwas taugt und was nicht. Die Folge davon ist, dass der Verdacht, alles tauge mittlerweile nichts mehr, sich mehr und mehr festsetzt. Das liegt, glaube ich, auch daran, dass wir, aufgrund unseres Fimmels, immer zurückzuschauen und neben der physischen Welt auch die historische zu kartographieren, einem gewaltigen Missverständnis aufsitzen: demjenigen nämlich, früher habe es lauter Genies wie Leonardo da Vinci, Shakespeare und Bach gegeben, und heute hätten wir Andrew Lloyd Webber, Anselm Weber und Charlotte Roche.
Schon kurzes Nachdenken fördert natürlich die Erkenntnis zu Tage, dass es einfach nicht wahr sein kann, dass, um ein prominentes Beispiel zu nennen, das Zeitalter des elisabethanischen Dramas in Gang gehalten wurde von lauter Shakespeares. Es gab einen einzigen Shakespeare, einen einzigen Christopher Marlowe, einen einzigen Ben Jonson. Da für die Menschen jener Epoche das Theater in etwa das war, was heute das Fernsehen für uns ist, muss der Ausschuss an mittleren bis minderen Talenten gigantisch gewesen sein. Nur weiß man von denen eben nichts mehr. Wenn man aber auf Schritt und Tritt diesen großen, strahlenden Namen begegnet, setzt sich irgendwann das Grundgefühl fest: Damals gab’s nichts als Genies, heute nichts als Pfeifen. Eine gewisse Dekadenz, ein Mangel an Selbstvertrauen, eine selbstquälerische Komponente spielt hierbei definitiv auch eine Rolle. Wir trauen uns selbst nicht mehr über den Weg, bei aller Aufgeblasenheit in der Phänotypik.
Ein weiterer Grund für die herrschende Verwirrung ist eine Verschiebung von der Qualität zur Quantität. Egal, ob etwas gut oder schlecht ist – Hauptsache, es gibt einen Markt dafür. Der Markt der Aufmerksamkeit folgt aber Regeln, die mit inhaltlichen Kategorien nur noch bedingt zu tun haben. Man setzt eher auf große Namen als auf große Ideen. Im Augenblick herrscht z. B. ein eklatanter Mangel an guten Theaterstücken. Die Gründe liegen auf der Hand. So etwas wie die Immobilienblase ist a) kein wirkliches Drama, erschüttert eher die Nachrichten als unser Leben. Und b) ist es – auch deswegen, wegen dieser Abstraktheit – undarstellbar. Anstatt aber diese Repräsentations-Krisen zu problematisieren, kramt man Cervantes, Camus und Kafka aus dem Bücherschrank und verwurstet deren Meisterwerke zu kurzatmigen Bühnenevents.
Vielleicht sind wir unversehens durch die technologische Beschleunigung in eine Gesellschaft katapultiert worden, die tatsächlich von sich selbst nicht mehr sprechen kann, die kein Zentrum und damit keinen Sinn mehr hat. Nur noch das Fernsehen verbindet uns – aber das Fernsehen ist ein Götze, der sich nicht nur von Menschenopfern, sondern vor allem von Zuschauerzahlen ernährt. Denn das Fernsehen seinerseits ist auf die Wirtschaft angewiesen, auf deren Bemühungen, auf ihre Produkte und Angebote aufmerksam zu machen. Die Wirtschaft bevorzugt darum Sendungen, die viele gucken, und ein Händel-Abend auf arte ist das nicht.
Wir stecken hier in einem dämonischen Kreislauf, der längst auch die anderen Medien erfasst hat. Wenn Günter Grass, um ein Buch zu promoten, mit seiner über die Jahrzehnte verschwiegenen Mitgliedschaft in der Waffen-SS herausrückt, dann ist das, ganz objektiv betrachtet, ein schockierender Skandal. So ein Mensch, möchte man sagen, der immer für die Moral getrommelt hat, gehört in einem solchen Moment ausgepeitscht. Es steht einem buchstäblich der Mund offen vor so viel Chuzpe, das Herz stockt. In Wirklichkeit aber erschüttert uns auch diese Oberschweinerei kein Stück mehr. Kurz rauscht es im Blätterwald, dann ist wieder die übliche lobhudelnde Flaute. Und das heißt: Wir haben den Glauben, das Vertrauen verloren. Wir kreisen im Orbit, leer und blöd.