Ein ideales Leben
März 10th, 2009 § Hinterlasse einen Kommentar
- “Es gab Menschen, deren Leben uns, den Zurückblickenden, als durch und durch gelungen erscheint. Johann Sebastian Bach, z. B. Einen ganzen Schwarm Kinder in die Welt gesetzt und zugleich noch am Fließband Musikstücke komponiert, von denen Engeln schwach wurde. Kann man das noch steigern? Oder Voltaire. Ein Mann, der den Stand des Intellektuellen als eines für Geld Schreibenden, eines Gedanken Verkaufenden überhaupt erst begründet hat. Voltaire diktierte so schnell, dass seine Sekretäre kaum mitkamen. Sein Intellekt war so scharf wie ein Rasiermesser und dabei so elegant wie die Kutsche eines Autokraten. Was für ein Geist! Wenn man heute den CANDIDE liest, fällt man immer noch vom Stuhl vor Lachen. Kein schlechter Lackmustest. Auch so ein Leben erweckt Neid, oder doch zumindest die Besorgnis, ob man mit diesem verkrampften kleinen Klumpen Lebenszeit, den man sein Eigen nennt, nicht vollkommen auf dem Holzweg ist.” Also, was ich mich da frage, Bob. Wenn ich so weit gelesen habe.
- Ja, was denn, Big?
- Fehlt da in deinem Artikel nicht womöglich was? Ein Beispiel?
- Äh, ja. Wer denn, Big?
- Na, Bert “Big” Bruder.
- Big, ich kann dich doch schlecht in einem Atemzug nennen mit Voltaire, Bach und Rimbaud!
- Rimbaud? Der kommt hier bei dir doch gar nicht vor.
- Stimmt, den hab ich wieder raus gestrichen. Der hatte ein eher anstrengendes Leben.
- Und das passt nicht in deine Reihe, oder wie? Und mein Leben ist dir dann womöglich auch zu “anstrengend”? Ich meine, Bob. Ich hab n+2 gegründet. NATÜRLICH ist das anstrengend! Was denkst du denn?
- Big. Meine Ausgangsfrage ist doch: “Wäre es denn nicht möglich, ein solches erfülltes, und zwar sinnvoll erfülltes, Dasein für alle zu erreichen?”
- Ich kann auch lesen.
- Dann lies.
- Hey!
- Bitte.
- “Eine Antwort auf diese Frage, so deute ich mir das, versuchen Spielekonsolen.” Das “so deute ich mir das” schmeißen wir raus. Das braucht’s nicht.
- Okay.
- “In Wahrheit kommt dabei aber nur totgetrampelte Zeit heraus. Asphaltierte Sinnlöcher, weggeballerter Unmut. Die Wii-Welt ist das Elysium der Deklassierten.” Verdammt, Bob. Meine Söhne haben auch so ein Ding.
- Nimm doch nicht alles immerzu persönlich, Big.
- Wie soll ich das sonst nennen, wenn du meine Söhne als die Verdammten dieser Erde bezeichnest?
- Die was?
- Da musst du dir noch was anderes einfallen lassen. Das gefällt mir gar nicht. Ganz und gar nicht, Bob. Nee.
- Okay, Big.
- “In die gleiche Richtung geht die Flucht in die Imaginäre Existenz.” Oh, Mann, Bob. Du schaffst mich. Fängst du wieder mit der. “Eine Imaginäre Existenz, das bedeutet, der Superstar zu sein, ohne ein Casting hinter sich gebracht zu haben. Es bedeutet, Adorno zu exegieren, ohne eine Zeile wirklich gelesen zu haben.” Sag mal, Bob. Was ist das nun wieder für eine Scheiße?
- Lies es doch wenigstens bis zum Ende.
- Kommt da noch was?
- Ja. Lies.
- “Es ist ein ganz und gar präsumptives Leben, wie zahllose Amerikaner es geführt haben, ein Leben auf Pump, lächerlich überdimensioniert im Anspruch, lächerlich unterdimensioniert in den Realitäten.” Gähn. Bob. Präsumptiv. Wer soll denn das verstehen, bitte? Wir haben über solche Texte schon mal ein längeres Gespräch geführt, wenn ich mich recht.
- Gib her. Ich les es selbst. Jetzt kommt’s doch erst. “Vielleicht sollte man also in einer anderen Richtung suchen. Neu überlegen. Vielleicht muss man Menschen wie Bach, Voltaire oder Edison, Sartre oder Bob Dylan einfach als die Singularitäten nehmen, die sie sind.”
- Und Bert “Big” Bruder.
- Sartre, Bob Dylan und Bert “Big” Bruder, genau. “Vieles muss zusammenkommen, damit ein William Shakespeare entsteht. Sich mit diesen scheinbaren Glücksverheißungen zu quälen, ist doch absurd! ‘Jeder ein Shakespeare’ – dieser Imperativ ist völliger Quatsch.”
- Völliger Quatsch! Auch mich gibt’s ja nur einmal.
- “Wer weiß denn, wie es sich angefühlt hat, Shakespeare zu sein oder Churchill, Caesar oder Augustinus, Luther oder G. B. Shaw? Aus diesen Übermenschen die Idee eines ideal gelungenen Lebens abzuleiten, heißt, den totalen Ausnahmefall zur Regel zu erheben. Ich bin sicher, dass eine Welt, die angefüllt ist mit lauter Genies, ein furchtbarer Ort wäre.”
- Nee. Diesen Schluss-Satz, den müssen wir weg lassen.
- Weg lassen? Aber das ist doch das Fazit, Big!
- Das braucht’s nicht.